Architekturfotografie muss nicht teuer sein (2)

Mit Teilaufnahmen, die man zu einem Bild zusammensetzt, kann man für Architekturfotos einen starken Weitwinkel ersetzen.

Einstürzende Neubauten oder ein möglicher Ersatz für ein starkes Weitwinkel in der Architekturfotografie?

Vor ein paar Tagen habe ich den ersten Teil dieser kleinen Serie veröffentlicht. Es ging und geht um einen Zeitungsartikel zur Architekturfotografie, den ich in der Lokalpresse fand. Dieser Artikel schreckt meiner Meinung nach die Leser eher ab, weil er den (Hobby-)Fotografen bei der Architekturfotografie unnötige Hürden in den Weg stellt.
Zitat:„Wir brauchen weitwinklige Objektive, um das Gebäude ganz drauf zu kriegen. (…) Da sind sehr kurze Brennweiten nötig, zum Beispiel 20mm.

Und tatsächlich, es stimmt, im Zusammenhang mit der Architekturfotografie wird es immer wieder passieren, dass man beim Foto eines Gebäudes nicht weit genug nach hinten gehen kann, die Straße zu schmal, der Platz zu klein ist, um den gewünschten Ausschnitt aufzunehmen.
Den dann benötigten größeren Bildwinkel erreicht man durch kürzere Brennweiten, Du könntest also aus dem kurzen Abstand ein stärkeres Weitwinkel mit großem Bildwinkel ganz gut gebrauchen (dabei solltest Du Dir aber natürlich der gestalterischen Auswirkung klar sein – siehe Teil1).

Großer Bildwinkel

Das muss kein Objektiv mit 20mm sein, vielmehr führt die Angabe fester Brennweiten in Zeiten, in denen (anders als in der analogen Kleinbildära) unterschiedliche Aufnahmeformate weit verbreitet sind, oft in die Irre (siehe Teil 1).
Aber musst Du jetzt nur für gelegentliche Aufnahmen so viel Geld für ein spezielles Objektiv ausgeben, das Du anderweitig vielleicht gar nicht einsetzt? Und was machst Du, wenn Du es zwar hast, aber es wegen des Gewichtes bei der Städtetour im Hotelsafe liegt? Ärgern? – Nein nicht nötig!
Zum Glück ist so eine kurze Brennweite für einen großen Bildwinkel, je nach Situation, gar nicht immer zwingend erforderlich. Du musst das ganze Gebäude ja nicht unbedingt mit einem Bild aufnehmen.
Das einzelne Bild selber verursacht in der Digitalfotografie fast keine Kosten mehr, Du kannst also ruhig mehrere Bilder aufnehmen. Und es gibt mittlerweile sehr gute Software, die diese Bilder kombinieren kann.
Auf diese Art kannst Du das Gebäude quasi in mehrere Abschnitte zerlegen, die Du nach und nach fotografierst. Später fügst Du dann mit (z.T. auch kostenloser) Software die Einzelbilder zu einem großen Ganzen zusammen. Und das in der Regel ohne viel Aufwand.

Probieren

Illustration zu: Architekturfotografie: Motiv abtasten statt Weitwinkel

Für Architekturfotografie kann man das Motiv auch abtasten statt ein Weitwinkel zu verwenden

Probiere es einfach mal aus! Zu Anfang solltest Du nur in einer Reihe und mit wenigen Bildern arbeiten, aber prinzipiell kannst Du das Gebäude auch in Spalten und Reihen (und sogar mit verdrehter Kamera) aufnehmen. Wichtig ist, dass Du darauf achtest, ausreichend überlappende Bereiche zwischen den Bildern zu haben.

Zuhause kannst Du dann die Bilder mit einer (kostenlosen) Panoramasoftware automatisch zu einem Bild mit deutlich größerem Bildausschnitt zusammenrechnen („stitchen“) lassen.
Wie das z.B mit dem kostenlosen „ICE“ geht, kann Du in den beiden Filmen hier sehen.

(Natürlich geht das Verfahren auch mit klassischer Panoramasoftware wie z.B. dem von mir bevorzugt eingesetzten PTGui oder der kostenlosen Alternative hugin. Und in einfachen Fällen geht es auch mit Lightroom(*), das bei mir ja eh quasi das Standwardwerkzeug für digitale Bilder ist.)

Ein zusätzlicher Vorteil dieses Panoramaverfahrens gegenüber der Methode mit dem Weitwinkel besteht darin, dass Du dadurch für das endgültige Bild deutlich mehr Megapixel zur Verfügung hat. Du kannst später also auch kleinere Ausschnitte für Detailbilder nutzen oder einfach näher an das Bild heran gehen um z.B. Details der Hausfassade zu erkennen.

Passanten

Diese Aufnahmetechnik kann aber auch einige Probleme mit sich bringen, speziell bei der Aufnahme.
Wenn sich zwischen den Einzelaufnahmen (im Überlappungsbereich) etwas verändert, dann kann das im schlimmsten Fall verhindern, dass sich die Bilder überhaupt (automatisch) kombinieren lassen.
Diese Gefahr steigt bei belebten Straßenszenen, deshalb mache ich in solchen Situationen meist mehr Bilder als nötig, um für den Fall des Falles mehr „Fleisch“ zur Verfügung zu haben.

Und wenn man auf günstige Zeitpunkte wartet, in denen z.B. eine rote Fußgängerampel den Passantenstrom stoppt, macht das die spätere Kombination der Bilder evtl. auch schon leichter.
Veränderte Lichtsituationen (durch schnell ziehende Wolken zum Beispiel) können auch problematisch sein, hier gilt es einfach schnell genug zu sein und auf die passenden Momente zu warten.

Parallaxen

Ein anderes Problem sind Parallaxenfehler. Vorder- und Hintergrunddetails scheinen sich dann zwischen einzelnen Bildern zu verschieben.
Wie kann das passieren?
Wenn Du die Kamera schwenkst kann ihr Auge, die Frontlinse, im Raum wandern. Dadurch schaut sie mal links und mal rechts an einen Vordergrunddetail (Laternenpfahl) vorbei auf die gleiche Stelle des Hintergrundes (Haustür).

Illustration für Parallaxenprobleme bei Panoramaufnahmen im Bereich Architekturfotografie.

Solche Parallaxenprobleme bei Panoramaufnahmen im Bereich Architekturfotografie können viel Arbeit machen.

Zwei Bilder, bei denen dieser Laternenpfahl mal links und mal rechts von der Haustür ist, lassen sich nicht gut miteinander kombinieren.
Wenn man um die Problematik weiß, ist es recht einfach, etwas dagegen zu unternehmen. Man versucht, das Problem zu verhindern, indem man zum einen drauf achtet, keine sehr nahen Vordergrunddetails im Überlappungsbereich der Bilder zu haben. Und zweitens versucht man, beim Schwenken die Frontlinse des Objektivs (besser noch die „Eintrittspupille“) an der gleichen Stelle zu halten.
Panoramafotografen verwenden gegen den Parallaxenfehler sogenannte Nodalpunktadapter auf dem Stativ, das wäre aber für den gelegentlichen Einsatz etwas zu aufwendig. Wenn Du es genau wissen willst, erfährst Du mehr zum Thema Nodalpunktadapter auf meiner Panoramawebsite www.langebilder.de. Es geht aber meist wunderbar auch aus der Hand.

Teil drei dieses Beitrags wurde inzwischen auch veröffentlicht.


(*) Dies ist ein sogenannter Affiliate Link. Wenn Du hierüber etwas kaufst, erhalte ich eine paar Prozente, ohne dass Du deshalb mehr bezahlen musst. Klassisches Win-Win also.
Und wenn Du meinst, ich hätte das nicht verdient, dann lässt Du es eben. ;-)

Architektur anders
Noch mehr Berichte und Tipps und Hinweise zur Architekturfotografie in meinem Blog


/ 21. Aug 2016

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