Architekturfotografie muss nicht teuer sein (1+2+3)

Illustration zur Architekturfotografie

Gestaltung mit Abstand und Brennweite in der Architekturfotografie. Der Abstand zwischen den Säulen ist in beiden Aufnahmen gleich groß gewählt, um den Einfluß der Aufnahmeentfernung in Kombination mit dem Bildwinkel (Brennweite) auf die räumliche Wirkung zu zeigen

Vor ein paar Wochen habe ich in der Lokalpresse einen Artikel mit Tipps zur Architekturfotografie gelesen, der von einer renommierten Presseagentur stammte und deshalb vermutlich — als preiswerter saisonaler Lückenfüller ;-) — auch in anderen Zeitungen aufgetaucht sein dürfte.
Leider sind in dem Text aber einige Dinge aus meiner Sicht eher missverständlich und zum Teil auch falsch dargestellt.

Zitat:
„Wir brauchen weitwinklige Objektive, um das Gebäude ganz drauf zu kriegen. (…) Da sind sehr kurze Brennweiten nötig, zum Beispiel 20mm.“

Das hört sich erst einmal logisch an, ist aber dennoch nur zum Teil richtig. Tatsächlich braucht man in der Architekturfotografie manchmal die großen (weiten) Bildwinkel, also kurze Brennweiten, einfach, weil man sich dann nicht weit genug vom Gebäude entfernen kann (oder möchte), um es  vollständig ins Bild zu bekommen.
Dann bleibt, ausser
Aufnahmen von Details eines Gebäudes, nur noch der große Bildwinkel.

Abstand wählen

Aber deshalb ist es in der Architekturfotografie nicht immer wichtig/richtig, eine kurze Brennweite einzusetzen. Oft führt das eher zu Problemen, die man vermeiden könnte, wenn man aus größerem Abstand fotografiert. (Stürzende Linien, um die es weiter hinten gehen wird, werden aus größerem Abstand nicht so dramatisch abgebildet.)


Warum steht im Titel “ … (1+2+3)“?
Dieser Blogbeitrag basiert auf einer dreiteiligen Artikelreihe, die ich jetzt, Ende August 2023, überarbeitet, aktualisiert, ergänzt und zu einem Artikel zusammengefügt habe.
Dadurch ist er recht umfangreich, aber man muss ihn ja auch nicht auf einmal komplett lesen. ;-)
Wenn der zweite oder dritte Teil beginnt, sieht Du das in den Überschriften.


Generell sollte man den Bildwinkel (die Brennweite in Abhängigkeit von der Sensorgröße)  aber eher nicht nach dem Abstand sondern eher nach der gewünschten räumlichen Wirkung wählen.
Diese wird erst durch die passend gewählte Kombination von beidem, Aufnahmeabstand und Brennweite (eigentlich besser: Bildwinkel) entstehen. Beide Punkte müssen in ihrer gemeinsamen Wirkung auf das Bild berücksichtigt werden.

In dem Beispielbild oben habe ich versucht, den Abstand zwischen den Säulen durch Verwendung unterschiedlicher Brennweiten trotz unterschiedlicher Aufnahmeabstände annähernd gleich groß zu halten.
Das obere der beiden Fotos wurde aus größerer Distanz mit einer längeren Brennweite (80mm kleinbildäquivalent) aufgenommen, das untere dagegen aus kürzerer Distanz mit dem größeren Bildwinkel einer kleineren Brennweite (24mm kleinbildäquivalent) fotografiert.
In beiden Fällen sind die Säulen und das Gebäude in der Realität natürlich gleich weit voneinander entfernt, aber die Bilder zeigen trotzdem ganz unterschiedliche räumliche Wirkungen.

Kurze Abstände mit Weitwinkelobjektiv (unteres Bild) betonen die Räumlichkeit, sie betonen die Distanz von Vorder- zu Hintergrund. Große Aufnahmeabstände in Kombination mit längeren Brennweiten (oberes Bild) dagegen scheinen den Raum zu verdichten.
Und wie fast überall in der Fotografie kann auch in der Architekturfotografie je nach Bildidee beides richtig sein.

Eine generelle Empfehlung einer bestimmten Brennweite, wie in dem Pressetext, ist also schon aus diesem Grund nicht sinnvoll. Bei manchen Architekturmotiven möchte man eine betonte Räumlichkeit (Aufnahme aus der Nähe), bei anderen passt eine flachere (nicht negativ gemeint) Wiedergabe besser (Aufnahme aus größerer Distanz).

Außerdem können Objektive trotz fester Brennweitenangaben (im Text wird von 20mm geschrieben) je nach Sensorgröße der Kamera auch noch ganz unterschiedliche Wirkungen haben.
Warum?

20mm Brennweite?

Braucht man für Architekturfotos wirklich 20mm? Und was heißt das überhaupt?
Vermutlich wurde vom Autor des Zeitungstextes eine Vollformatkamera vorausgesetzt, auf dem bei solchen Kameras  (relativ großen) Sensor kann ein 20mm Objektiv tatsächlich einen recht weiten Bildausschnitt wiedergeben.
In diesem Zusammenhang entspricht ein 20mm-Objektiv dann einer ziemlich kurzen Brennweite, es ist ein extremes Weitwinkel.

Doch wie sieht es mit den Sensoren der meisten DSLRs und spiegellosen Systemkameras aus. Diese sind auch heutzutage oft um den Faktor 1,5 oder mehr kleiner als der Vollformatsensor (sie haben meist einen „APS-C“ oder „mFT„-Sensor).
An einer solchen Kamera kann auf dem kleineren Sensor nur noch ein Ausschnitt des Bildkreises und damit des Bildwinkels des 20mm-Objektives aufgezeichnet werden.

Das 20mm-Objektiv ergibt in Kombination mit dem Sensor an diesen häufig eingesetzten Kameras also einen deutlich kleineren wirksamen Bildwinkel, aus dem starken Weitwinkel wird so trotz 20mm Brennweite „nur“ ein eher gemässigter Weitwinkel oder gar fast eine Normalbrennweite.

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Bei den Nichtvollformt-DSLRs und -Systemkameras können schon die meisten Kitobjektive auf eine Brennweite von 20mm und kürzer eingestellt werden. Es wäre also falsch, in dem Zusammenhang von einer besonders kurzen Brennweite zu sprechen.

Um an einer solchen „Cropkamera“ einen Bildwinkel zu erhalten, wie er von 20mm an Vollformat (Kleinbild) erzeugt wird, würde man ein deutlich „kürzeres“ Objektiv benötigen, ca.14mm wären dazu an APS-C nötig (14 x 1,5= 21).

Die wegen der Kombination aus Qualität, Größe und Gewicht gerne verwendeten mFT-Kameras (von Olympus und Panasonic) haben im Vergleich zu einer typischen „Vollformatkamera“ sogar einen um den Faktor zwei kleineren Sensor.
Da wären 10mm für den gleichen Bildwinkel wie bei 20mm an Vollformat erforderlich. Das 20er wäre an diesen Kameras dann eher schon eine „Normalbrennweite“.

Aber muss man so ein starkes Weitwinkel überhaupt kaufen?

Ich liebe ja die gestalterische Wirkung starker Weitwinkel, deshalb würde ich jetzt ganz schnell und laut  „Ja!“ rufen. Doch mancher möchte diesen starken räumlichen Effekt nur selten oder nie nutzen, dann wäre so ein Objektiv eigentlich völlig unnötig.


Wenn der Abstand nicht reicht… (zweiter Teil)

Mit Teilaufnahmen, die man zu einem Bild zusammensetzt, kann man für Architekturfotos einen starken Weitwinkel ersetzen.

Einstürzende Neubauten oder ein möglicher Ersatz für ein starkes Weitwinkel in der Architekturfotografie?

Nochmal zurück zum Zitat vom Anfang:
Wir brauchen weitwinklige Objektive, um das Gebäude ganz drauf zu kriegen. (…) Da sind sehr kurze Brennweiten nötig, zum Beispiel 20mm.

Und tatsächlich, es stimmt, im Zusammenhang mit der Architekturfotografie wird es immer wieder passieren, dass man beim Foto eines Gebäudes nicht weit genug nach hinten gehen kann, die Straße zu schmal, der Platz zu klein ist, um den gewünschten Ausschnitt aufzunehmen.

Dann hat man nur einen festen Maximalabstand zur Verfügung. Der ist mit der resultierenden räumlichen Wirkung evtl. gestalterisch nicht optimal, aber mehr ist nicht drin. In dem Fall gilt: Friss oder stirb!
Den aus der kurzen Distanz benötigten größeren Bildwinkel erreicht man natürlich primär durch kürzere Brennweiten. Du könntest also aus dem kurzen Abstand ein stärkeres Weitwinkel mit großem Bildwinkel ganz gut gebrauchen).

Großer Bildwinkel …

Das muss aber nicht zwingend ein Objektiv mit 20mm sein. Die Angabe fester Brennweiten führt in Zeiten, in denen (anders als in der analogen Kleinbildära) unterschiedliche Aufnahmeformate weit verbreitet sind, oft in die Irre (siehe weiter oben).

Aber musst Du jetzt, nur für gelegentliche Aufnahmen, so viel Geld für ein spezielles extremes Weitwinkelobjektiv ausgeben, das Du anderweitig vielleicht gar nicht einsetzen möchtest?
Und was machst Du, wenn Du es zwar hast, aber es wegen des Gewichtes bei der Städtetour im Hotelsafe liegt?
Ärgern? – Nein, das ist nicht nötig!

… mit längerer Brennweite

Zum Glück ist so eine kurze Brennweite für einen großen Bildwinkel, je nach Situation, gar nicht immer zwingend erforderlich. Du musst das ganze Gebäude ja nicht unbedingt mit einem Bild aufnehmen.

Das einzelne Bild selber verursacht in der Digitalfotografie fast keine Kosten mehr, Du kannst also problemlos mehrere Bilder aufnehmen. Und es gibt mittlerweile sehr gute Software, die diese Einzelbilder kombinieren können.

Auf diese Art kannst Du das Gebäude quasi in mehrere Abschnitte zerlegen, die Du nach und nach fotografierst. Später fügst Du dann mit (z.T. auch kostenloser) Software die Einzelbilder zu einem großen Ganzen zusammen. Und das in der Regel ohne viel Aufwand.

Probieren

Illustration zu: Architekturfotografie: Motiv abtasten statt Weitwinkel

Für Architekturfotografie kann man das Motiv auch abtasten statt ein Weitwinkel zu verwenden. Natürlich sind nicht immer so viele Aufnahmen wie in diesem Bildbeispiel notwendig. Aber die hohe Anzahl an Einzelbildern ergibt eine sehr hohe Auflösung, die für manche speziellen Einsatzzwecke notweit sein kann.

Probiere es einfach mal aus!
Zu Anfang solltest Du nur in einer Reihe und mit wenigen Bildern arbeiten.

Wenn Du die Kamera dabei ins Hochformat nimmst, kann das schon ausreichen, um die komplette Höhe des Motivs aufzunehmen.
So musst Du nur in einer Reihe horizontal schwenken, um das Motiv nach und nach in voller Höhe „abzutasten“.

Solche einreihigen Aufnahmen kann auch schon meine bevorzugte Bildbearbeitung Lightroom Classic(*) sehr gut zusammenfügen, ein spezielles Panoramaprogramm ist dafür also gar nicht notwendig.

Prinzipiell kannst Du das Gebäude auch in Spalten und Reihen (und sogar mit verdrehter Kamera) aufnehmen. Also Schwenken und Neigen.
Wichtig ist, dass Du darauf achtest, ausreichend überlappende Bereiche innerhalb benachbarter Bilder zu haben.

Zuhause kannst Du dann die einzelnen Aufnahmen mit einer Panoramasoftware automatisch zu einem Bild mit deutlich größerem Bildausschnitt zusammenrechnen („stitchen“) lassen.
Wie das z.B mit dem kostenlosen „ICE“ geht, kannst Du in den beiden Filmen hier sehen.

(Natürlich geht das Verfahren auch mit klassischer Panoramasoftware wie z.B. dem von mir bevorzugt eingesetzten PTGui Pro oder der kostenlosen freien Beinahe-Alternative hugin.
Und in einfachen einreihigen Fällen geht es auch mit Lightroom Classic (*) das bei mir ja eh quasi das Standwardwerkzeug für digitale Bilder ist.)

Ein zusätzlicher Vorteil dieses Panoramaverfahrens gegenüber der Methode mit Weitwinkel-Einzelbild besteht darin, dass Du dadurch für das endgültige Bild deutlich mehr Megapixel zur Verfügung hat.
Du kannst später also auch kleinere Ausschnitte für Detailbilder nutzen oder in der Betrachtung am Display einfach weiter in das Bild hinein zoomen um z.B. Details der Hausfassade zu erkennen.
Oder besser Entzerren, mehr dazu weiter unten.

Passanten

Diese Panoramatechnik kann aber auch einige Probleme mit sich bringen, die man bei der Aufnahme berücksichtigen sollte.
Wenn sich zwischen den Einzelaufnahmen (im Überlappungsbereich) etwas verändert, so kann das im schlimmsten Fall verhindern, dass sich die Bilder überhaupt (automatisch) kombinieren lassen.
Diese Gefahr ist bei belebten Straßenszenen natürlich recht hoch, deshalb mache ich in solchen Situationen meist mehr Bilder als nötig, um für den Fall des Falles mehr „Fleisch“ zur Verfügung zu haben.

Und wenn man auf günstige Zeitpunkte wartet, in denen z.B. eine rote Fußgängerampel den Passantenstrom stoppt, macht das die spätere Kombination der Bilder evtl. auch schon leichter.
Veränderte Lichtsituationen (durch schnell ziehende Wolken zum Beispiel) können auch problematisch sein, hier gilt es einfach schnell genug zu sein und auf die passenden Momente zu warten.

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Belichtung und Weißabgleich

Bei der Belichtung können verschiedene Motivbereiche das Umgebungslicht in Einzelbildern jeweils individuell anders reflektieren oder auch durch die Verteilung von Licht und Schatten im Motiv ganz unterschiedlich beleuchtet werden.
Dadurch kann eine Belichtungsautomatik zu starken Veränderungen der Einstellungen zwischen den Einzelbildern verleitet werden. Und das könnte zu unterschiedlichen hellen Wiedergaben identischer Motivdetails (im Überlappungsbereich) führen.

Die Panoramasoftware wird zwar immer besser, aber auch aktuelle Versionen stoßen bei zu großen Unterschieden irgendwann an ihre Grenzen.
Deshalb solltest Du versuchen, mit manueller Belichtung (also mit „M“ und deaktivierter ISO-Automatik ) die Belichtung der Einzelbilder konstant zu halten. Bei großen Helligkeitsunterschieden zwischen einzelnen Motivbereichen wirst Du Kompromisse eingehen müssen und/oder „HDR“-Technik  einsetzen müssen.

Wenn Du mit RAW fotografierst, kann Du Dich um den Weißabgleich ohne Nachteile später kümmern, wenn Du aber nur JPEGs aufzeichnest, stelle auch für den WA einen festen Wert ein. (mehr zum Thema Weißabgleich)

Parallaxen

Ein anderes Problem bei Anwendung der Panoramatechnik können Parallaxenfehler sein. Vorder- und Hintergrunddetails scheinen sich dann zwischen einzelnen Bildern zu verschieben.
Wie kann das passieren?
Wenn Du die Kamera schwenkst kann ihr Auge, die Frontlinse, im Raum seitlich wandern. Dadurch kann es vorkommen, daß sie im ersten Bild links und im zweiten rechts an einem Vordergrunddetail (Laternenpfahl / roter Punkt) vorbei auf die gleiche Stelle des Hintergrundes (z.B. ein Fenster) sieht.

Illustration für Parallaxenprobleme bei Panoramaufnahmen im Bereich Architekturfotografie.

Solche Parallaxenprobleme bei Panoramaufnahmen im Bereich Architekturfotografie können viel Arbeit machen.

 

Zwei Bilder, bei denen dieser Laternenpfahl mal links und mal rechts vom Fenster ist, lassen sich nicht gut miteinander kombinieren.

Wenn man um die Problematik weiß, ist es recht einfach, etwas dagegen zu unternehmen.
Man versucht, das Problem zu verhindern, indem man zum einen ganz banal darauf achtet, keine nahen Vordergrunddetails im Überlappungsbereich der Bilder zu haben.
Und zum zweiten versucht man, beim Schwenken die Frontlinse des Objektivs (besser noch die „Eintrittspupille“) an der gleichen Position zu halten, so dass das Problem gar nicht erst auftritt.

In einem meiner Beiträge zur „Urlaubsfotografie“ beschreibe ich das Vorgehen beim Aufnehmen eines Panoramas etwas ausführlicher, dort findet sich auch eine einfache und kostenlose Methode, wie man ohne Hilfsmittel kontrolliert aus der Hand schwenkt, ohne Parallaxenfehler aufzunehmen.

Zubehör

Oh dufte, ich habe ja ein Stativ mit Panoramakopf.
Tja, das hilft leider meist nicht weiter.
Mit einem Stativ mit einem klassischen Stativkopf mit Panoramaplatte ist es nahezu unmöglich, Parallaxenfehler zu vermeiden, die Konstruktion von Stativ (-kopf) und Kamera erzwingen diese regelrecht.
Die Schwenkachse liegt bei Befestigung eines üblichen Statives am Kameraboden in der Regel eine ganzes Stück hinter dem Objektiv, so das bei einem Schwenk die Frontlinse durch den Raum bewegt wird.

Und die Schwenkeinrichtung (Panoramateller) ist fast immer unterhalb der Neigeeinrichtung des Stativkypfes, sie dass bei einer möglicherweise notwendigen Neigung des Stativkopfes das Objektiv noch zusätzlich auf und ab bewegt wird.

Panoramafotografen verwenden deshalb oft sogenannte Nodalpunktadapter auf dem Stativ. Das wäre aber für den gelegentlichen Einsatz sicher etwas zu aufwendig und kostspielig.

Eine Alternative ist ein kopfüber befestigter Stativkopf, dann wandert die Neigevorrichtung unterhalb des Panoramatellers, der nun zwar kopfüber schlechter abzulesen ist, aber perfekt auf den Horizont ausgerichtet werden kann.

Illustration zu "Kugelkopf-kopfüber"

Mit einem kopfstehenden Kugelkopf lässt sich die Schwenkachse vertikal ausrichten.

Zu professionellen Nodalpunktadaptern und zu solchen preiswerten aber sinnvollen Panoramalösungen wie dem umgekehrten Kugelkopf und der Wasserrohrschelle findest Du viele Infos und weitere Abbildungen hier im Blog unter „Panoramazubehör preiswert„.

Und zur Not: Probier es einfach aus der Hand aus!
Mit etwas Selbstdisziplin geht das oft sehr gut!
(Ich schleppe ja auch nicht immer Stativ etc. durch die Gegend, dazu bin zu faul!)

Du solltest gerade bei Aufnahmen aus der Hand darauf achten, keine Problemstellen in den Übergangsbereich zu nehmen. Den Bereich mit dem Laternenpfahl im Vordergrund und dem auffälligen Gebäudedetail im Hintergrund nimmt Du dann halt in die Mitte eines einzelnen Bildes und machst ein paar Aufnahmen mehr.
Dann noch einen Schuß Selbstdisziplin und ein Quentchen Übung vorab und: Voila!

Geld ausgeben kannst Du später immer noch, wenn Dich das Panoramfieber packt. ;-)


Ein weiteres Zitat (dritter Teil)

Industriearchitektur

Industriearchitektur

In einem anderen Teil des Textes aus der Lokalpresse wird behauptet, dass Architekturfotografie anscheinend nur mit größeren Investition möglich sein soll.

„Wer die Architektur möglichst korrekt abbilden will, muss Geld in die Hand nehmen. Objektive ohne optische Fehler sind teuer, genauso wie Tilt-Shift-Objektive“.

Es stimmt (zumindest zum Teil), richtig gute Objektive sind richtig teuer. Und für den Profi sind sie auch wichtig, er erspart sich so evtl. Nacharbeit.

Aber braucht der typische fotografierende Leser der Tageszeitung wirklich ein aufwendig korrigiertes Shift-Objektiv?
Er wird doch eher ein Amateurfotograf sein, der nur gelegentlich mal eine Stadtansicht oder ein schönes Gebäude fotografieren will.
Und sowohl das nachträgliche Entzerren („Shiften“) als auch die Korrektur evtl. Objektivfehler sind heute mit den vorhanden Softwaremitteln auch bei hohen Qualitätsansprüchen machbar.
Für „korrekte Abbildung“ der Architektur muss man also nicht unbedingt teure Objektive kaufen.

Objektivfehler?

Früher waren, je nach Objektiv, bei Aufnahmen gerade Linien, wie sie natürlich bei Gebäudefotos in unseren Breiten häufig auftreten, manchmal Fehler im Bild zu sehen.
Oft wurden diese Linien dann nicht gerade, sondern mit mehr oder weniger starker Biegung wiedergegeben.
Entweder waren sie nach innen gebogen, (kissenförmige Verzeichnung), oder nach außen (tonnenförmige Verzeichnung).

Objektive mit solchen Fehlern waren für die Architekturfotografie natürlich eher ungeeignet. Und Objektive (fast) ohne diese Fehler waren aufwändiger in der Konstruktion und damit meist deutlich teurer (… und größer … und schwerer).

In der digitalen Fotowelt lassen sich diese Fehler schon seit vielen Jahren recht einfach nachträglich beheben. Bei manchen Kameras, gerade auch bei preiswerten Modellen und natürlich in den Smartphones passiert das anscheinend schon direkt bei der Speicherung des Bildes in der Kamera.

Falls nicht, die notwendigen Schritte zur nachträglichen Korrektur sind in vielen Bildbearbeitungsprogrammen heutzutage wirklich sehr einfach und zum Teil vollautomatisch angepasst ans jeweilige Objektiv möglich, so dass man für das gelegentliche Architekturfoto durchaus auch nicht ganz fehlerfreie Objektive verwenden kann.

Braucht man Tilt-Shift-Objektive?

Ich werde jetzt nur auf den „Shift“-Teil der Objektive eingehen, weil der für die Aufnahme von Gebäuden fast immer der wichtigere Teil ist. (Das „Tilten“ benötigt man dagegen zur Steuerung der Lage der Schärfeebene.)

Braucht man für die Architekturfotografie tatsächlich solche besonderen Objektive?
Den Eindruck kann man schnell bekommen, wenn man sich ansieht, mit was für einem Aufwand solche Bilder oft gemacht wurden und werden.
Spezielle Kameras mit Gelenken und Feintrieben (Abb. weiter unten) erlauben unabhängige Verstellungen der einzelnen Kamerabestandteile und des kompletten Gehäuses, so dass das Objektiv dann nicht mehr, wie bei herkömmlichen Kameras üblich, star auf die Mitte des Films bzw. Sensors ausgerichtet ist.
Das erlaubt das Shiften. ( Zum „Wie“ kommen weiter unten Informationen, schauen wir erstmal auf das „Warum“.)

Warum überhaupt Shiften

Der Grund für das Shiften liegt letzten Endes darin, das die Kamera die Welt vor dem Objektiv den Vorgaben entsprechend physikalisch weitestgehend korrekt ablichtet / abbildet.

Wir Menschen sehen dagegen Dinge nicht einfach „nur“ (wie es eine Kamera tut), sondern wir nehmen diese Umgebung visuell wahr. Der visuelle Input unserer Augen wird dabei mit Erfahrungen und Wissen verrechnet.

So ist es für uns eine selbstverständliche Alltagserfahrung, dass schräg betrachtete parallele Linien sich zum Fluchtpunkt („Unendlichkeit“) hin verjüngen, so wie die Eisenbahnschienen, die sich zum Horizont hin anscheinend immer näher kommen.

Bei den senkrechten Linien eines Gebäudes dagegen scheinen wir das nicht so wahrzunehmen. Bei der Aufgabe, eine Zeichnung eines Hochhauses am Bahnhof anzufertigen, würden die meisten zwar die Schienen verjüngend darstellen und die rechten Winkel zwischen Schienen und Schwellen würden so geöffnet.
Die Winkel im Gebäude würden dagegen von den allermeisten mit 90° und die senkrechten Linien parallel zueinander dargestellt.
Diese Darstellung würde in den meisten Fällen auch dann gewählt, wenn man den Kopf leicht heben muss, um das Gebäude in voller Höhe zu sehen.

Auf einem Foto  würden sich die Linien im Gebäude aber auch bei nur schwach geneigter Kamera verjüngen, so sieht es die Kamera.
Eine solchen Abbildung wirkt jedoch auf den Betrachter, als würde das Gebäude jeden Moment wie ein Kartenhaus einstürzen.

Shiften?

Gegen diesen “ „schiefenEinruck helfen besondere Aufnahmetechniken, bei denen die Kamera nicht nach oben geneigt, sondern die Filmebene und die Objektivebene der Kombination aus Kamera und Objektiv zueinander verschoben (geshiftet) werden.

Illustration zum Thema "stürzende Linien"

Ganz klassisch hat man früher zum Shiften die Fachkamera genommen, rechts geneigt ( was zu stürzenden Linien führt) und links geshiftet.

Auf diese Art kann man weiterhin mit auf den Horizont ausgerichteter Kamera (und so ohne stürzende Linien) fotografieren und trotzdem, dank des sehr großen Bildkreises spezieller Objektive, einen dem Blick schräg nach oben entsprechenden Motivausschnitt fotografieren.

Auch für Kleinbildkameras wurden für diesen Zweck spezielle Lösungen entwickelt.

Illustration zu Tot-Shift-Objektiv

Ein Tilt-Shift-Objektiv von Canon. Es kann zur Vermeidung stürzender Linien geshiftet werden, das Objektiv wandert dann in der Regel (Ausnahme: Blick von hohen Gebäuden o.ä.) nach oben (links).

Da auch an der Kleinbildkamera das Bild durch das Shiften auf dem Sensor quasi wandert, könnten die Ränder des Bildkreises sichtbar werden.
Aus diesem Grund müssen Shift-Objektive einen deutlich größeren Bildkreis als andere Objektive fürs gleiche Aufnahmeformat erzeugen. Neben er aufwendigen Mechanik und der nötigen Korrektur von Abbildungsfehlern ist das ein weiterer Grund für die hohen Preise.

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Für meinen bereits ausgebuchten zweitägigen Grundlagen-Fotokurs (Zeche Zollverein) ist am Wochenende
25.05.24/26.05.24 (Sa./So.).
ein Platz wieder frei geworden.
Spätere Termine sind natürlich auch schon verfügbar.




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Wirklich nötig?

Doch ist das wirklich nötig?
Schon zu analoger Zeit gab es spezielle Dunkelkammertechniken, mit denen man Bilder auch nachträglich „entzerren“ konnte.
Heutzutage geht das in der digitalen Fotowelt ebenfalls, aber viel einfacher und zum Teil vollautomatisch in der „digitalen Dunkelkammer“.
In den aktuellen Versionen von z.B. Lightroom Classic(*) kann man problemlos und oft auch ganz automatisch im „Transformieren“-Bereich stürzende Linien entzerren.

Immer mal wieder lese ich in dem Zusammenhang das Ammenmärchen, das durch das Entzerren per Software die Proportionen der Gebäude verfälscht würden. Und ja, das ist tatsächlich der Fall, wenn es dilettantisch geschieht und einfach nur die Breite des oberen oder unteren Bildteils gedehnt wird.
Wenn man aber weiß, was man tut und/oder die passende Software verwendet, ist das nicht der Fall, das Entzerren geht dann ohne ein Verfälschen der Proportionen.

Wenn Du u.a. lernen möchtest, wie man Architekturaufnahmen richtig entzerrt, kannst Du mich ja in einem meiner Kurse zu den Grundlagen der Bildbearbeitung besuchen. Informationen zu den Terminen und eine Anmeldemöglichkeit findest Du unter https://www.fotoschule-ruhr.de/bildbearbeitung_1.php

Mangelnde Auflösung?

Ein anderes Argument, das gegen das nachträgliche Entzerren per Software gerne vorgebracht wird, bezieht sich auf den dadurch auftretenden Auflösungsverlust. Den gibt es tatsächlich. Und der trat auch schon beim Entzerren in der Dunkelkammer auf. (Wenn auch aus anderen Gründen.)

Aber bei den heute üblichen Megapixelzahlen der Kameras ist das kaum noch relevant.
Und wenn man dann noch berücksichtigt, das man das Endbild des statischen Motivs „Gebäude“ wie oben beschrieben durchaus auch aus einem Raster von einzelnen Teilbildern per Panoramasoftware zusammensetzen kann, wird klar, dass man mit dieser Technik auch sehr feine Details sichtbar machen kann. Theoretisch deutlich besser als die Auflösung die mit einer guten 4/5 Fachkamera mit hervorragendem Objektiv möglich wäre.
Ob solche Auflösungen in der Praxis dann wirklich benötigt werden, lasse ich mal offen, aber dieser Punkt geht jedenfalls nicht automatisch an die „Shift-Fraktion“.

Gestaltung

Ein technische perfektes aber langweiliges Bild bleibt trotz aller Perfektion langweilig.
Viel wichtiger als spezielle Objektive ist in der Architekturfotografie (und natürlich nicht nur dort)  fast immer die Gestaltung der Bilder. Und da ist dann auch bei den eigentlich eher ruhigen Gebäuden Engagement und Zeit gefragt.
Um das Gebäude gehen, mehrfach wiederkommen, Licht „lesen“ lernen, Erfahrungen sammeln.
Das dauert, macht aber auch viel Spaß. (Und ist ein Thema in meinem Grundlagenkurs zur Bildgestaltung.)

Fazit

Die in dem Agenturtext beschriebenen Punkte „großer Bildwinkel“, „hohe Abbildungsqualität“ und „Entzerrungsmöglichkeit“ sind bei Aufnahmen von Gebäuden tatsächlich wichtig.
Sie lassen sich aber mit etwas Improvisationstalent und einigen unkomplizierten Schritten in der Bildbearbeitung mit durchaus einfachen Mitteln lösen.
Dafür sind spezielle (und teuere) Objektive nicht zwingend erforderlich.

Ich finde es schade, wenn durch solche Texte in der Tageszeitung interessierte Hobbyfotografen nicht motiviert sondern eher abgeschreckt werden.


An dieser Stelle darf ich vielleicht noch ein bisschen Eigenwerbung machen:
Aufnahmetipps und Gestaltungshinweise zu Themen wie Stadtansichten und Architekturfotos sind ein wichtiger Teil meiner Fotokurse zu den Grundlagen der Fotografie, die ich an der Fotoschule-Ruhr.de anbiete.

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Illustration Kaffeetasse


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