Autofokus oder manuelles Fokussieren oder …

Illustration zu Autofokusmessfelder FTR und Back-Button-Focus

Autofokusmessfelder

oder: „Der (zweit-) wichtigste Knopf an Deiner Kamera.

Neben dem Thema Belichtung (bei dem es ja auch immer mal wieder um die Frage „Automatisch oder manuell?“ geht) ist das richtige Scharfstellen, die richtige Fokussierung, eine der wichtigsten Einstellungen beim Fotografieren.

Wenn ein Bild falsch fokussiert wird, ist es unscharf.
Das ist trivial! Aber ärgerlich.
Sehr ärgerlich. Denn in den meisten Fällen ist die Unschärfe noch viel schlimmer als eine falsche Belichtung.
Die falsche Belichtung kann man im Nachhinein ja oft noch retten. Gerade wenn man mit RAW fotografiert, ist da oft noch was drin. Das Bild wird dann evtl. nicht optimal, aber man kann zumindest etwas erkennen.
Ein unscharfes Bild ist dagegen fast immer unrettbar verloren. 

Zwangsweise fokussieren

Illustration Entfernungsmesser

In der Vor-AF Zeit durchaus üblich, ein an die Kamera ansteckbarer externer Mischbild-Entfernungsmesser von Wata, der Watameter.j

Richtiges Fokussieren ist also wichtig und in der Regel eine Grundvoraussetzung für ein gutes Foto.
Früher, als man noch per Hand fokussieren musste, gab es oft unscharfe Fotos. Man musste an vielen Kameras die Entfernung schätzen. Und manchmal liegt man beim Schätzen einfach falsch.
Und selbst wenn man eine Kamera mit Hilfsmitteln wie einem Entfernungsmesser oder mit Einstellhilfen wie Mikroprismenring oder Schnittbildindikator verwendete, kam es doch leider oft zu unscharfen Bildern.
Manchmal vergass der Fotograf im Eifer des Gefechts einfach die Fokussierung einzustellen und manchmal wurde die Kamera falsch bedient.

Um das zu vermeiden und den Fotografen das Leben etwas zu erleichtern sind deshalb schon seit einigen Jahrzehnten immer mehr Kameras (und Objektive) mit Autofokus ausgerüstet.

Bei jedem Bild, ja bei jedem Druck auf den Auslöser misst die Kamera dann automatisch die Entfernung und stellt sofort neu scharf.

Großartig!
Oder vielleicht doch nicht?
Sagen wir: „Zumindest nicht immer“.

Manchmal ist das Verfahren tatsächlich eher suboptimal.
Die Kamera wählt den Schärfebereich in der Regel ja vollautomatisch. Und dabei bevorzugt sie fast immer nahe und kontrastreiche Bereiche im Bildausschnitt.
Das sind aber nicht immer die Stellen, die auch gestalterisch wichtig sind und scharf abgebildet werden sollen.

Wenn ich statt dessen eine andere Stelle im Motiv scharf haben will, muss ich (wenn das überhaupt möglich ist) eingreifen.
Ich kann dazu bei vielen Kameras den Autofokusmesspunkt bewusst auf diesen Punkt verlegen. Das ist aber, je nach Kamera, ein wenig umständlich und bringt mich aus dem „Flow“.

Autofokus Variationen

Meine ersten Kameras mit AF hatten außerdem oft nur höchstens drei Messpunkte, wenn überhaupt. Und nur der mittlere war ein sogenannter Kreuzsensor. Dieser war schneller und zuverlässiger und zusätzlich lichtempfindlicher als die äußeren Messpunkte.
Damals habe ich mir angewöhnt, in erster Linie diesen mittleren AF-Punkt zu verwenden. Aber andererseits schränkt das die Bildgestaltung schon ziemlich ein.
Man muss dann mittenzentriert fotografieren, die Ergebnisse sind eher langweilig.
Oft is es viel besser für das Bild, wenn das scharfe Motivdetail, das ja meist auch der wichtigste Teil des Motivs ist, nicht in der Bildmitte liegt (Goldener Schnitt / Drittelregel).

FTR

Ich verwende deshalb beim Autofokus fast immer eine besondere Technik, die „FTR“ genannt wird. (Focus, Then Recompose -> erst fokussieren, dann komponieren)
Dazu verändert man den Bildausschnitt und verschiebt / verschwenkt / neigt die Kamera so, dass der mittlere (und meist beste) Messpunkt über dem gewünschten Bereich liegt.
Dann muss man den Auslöser bis zum ersten Druckpunkt eindrücken.
Die Kamera stellt scharf und solange man den Auslöser nicht löst, wird diese Entfernungseinstellung beibehalten.
Man kann also den Ausschnitt ändern und  der AF bleibt trotzdem auf dem zuerst gewählten Punkt.

Vorsicht

Aber Vorsicht, das geht so nur mit dem Autofokusmodus AF-S oder S oder One-Shot. In dieser Einstellung bleibt die einmal gefundene Entfernung stehen, auch wenn der Bildausschnitt sich ändert.
Beim kontinuierlichen AF (AF-C, C oder AI-Servo) dagegen regelt der AF die ganze Zeit nach, bei einer Veränderung des Bildausschnitts würde er die Entfernungseinstellung unerwünscht nachjustieren. Dieser Autofokusmodus ist gut für Motive mit kontinuierlicher Entfernungsveränderung, aber nicht für FTR.

Nachteile von FTR

FTR hilft mir, die Schärfe gezielt auch auf einen deutlich außermittigen Bildbereich zu legen.
Aber nach dem Auslösen verwirft die Kamera die gefundene Entfernungseinstellung. Bei einem erneuten Druck auf den Auslöser stellt die Kamera wieder neu scharf, natürlich auf den nun in der Bildmitte befindlichen Motivbereich.
Doch da ist ja jetzt nicht mehr das gewünschte Bilddetail.
Um weiterhin auf den gewünschten Punkt zu fokussieren, ist man also gezwungen, nach jedem Auslösen immer wieder das Wunschdetail anzuvisieren und mit halb gedrücktem Auslöser den Ausschnitt neu zu bestimmen.
Das ist dann doch ein ziemliches Rumgehampel und ebenfalls nicht gerade gut für den „Flow“. Und bei einer Portraitsitzung kann das ständige Verlagern der Kamera auch das Modell ziemlich irritieren.

Damals

Mir ist das ständige Geschwenke zu blöd.
Und so hätte ich früher, manuell, doch auch nie fokussiert! Wenn die Schärfe einmal gefunden war, musste ich doch nichts mehr ändern.
Es ist ja eigentlich völlig unsinnig, jedes Mal, wenn ich den Auslöser drücke, vorher neu zu fokussieren.
Solange sich die Aufnahmeentfernung nicht verändert hat, kann ich doch davon ausgehen, dass der einmal gewählte Schärfebereich auch im nächsten Bild richtig sitzt.
Ein neues Fokussieren könnte da eher zu einer Verschlechterung der Ergebnisse führen.

Deshalb habe ich damals manuell nur dann neu fokussiert, wenn sich die Aufnahmeentfernung verändert hat.
Am besten wäre es also, einmalig richtig zu fokussieren und dann ohne AF weiter zu machen.
Aber jedesmal den AF ein- und wieder ausschalten?
Auch nicht optimal.

Warum nicht gleich richtig manuell?

Natürlich liegt es auf der Hand, ganz einfach wie früher manuell zu fokussieren.
Aber heutzutage lässt sich mit den Objektiven, die auf die Schwächen des Autofokus hin angepasst worden sind, kaum noch sinnvoll manuell scharf stellen.

Die aktuellen AF-Objektive haben fast immer sehr viel kürzere Einstellwege als die alten manuellen und die ganze Fokusmechanik ist meist ziemlich leichtgängig. Der arme kleine AF-Motor käme sonst gar nicht klar und der Akku wäre auch recht schnell leergesaugt.

Präzise manuell fokussieren kann man damit aber nicht, zumindest ist es sehr umständlich.
Probier einfach mal ein altes manuelles Objektiv aus, vielleicht auf der nächsten Fotobörse oder aus Opas Nachlass. Du wirst Dich wundern, wie „satt“ die ganze Einstellung läuft – sogar bei preiswerten Fremdherstellerobjektiven aus der („guten alten“) Zeit.

Grund zwei

Ein weiterer Grund gegen das manuelle Fokussieren mit modernen AF-Kameras kommt noch hinzu. Die Sucherbilder gerade der Einsteigerkameras sind oft sehr klein (welcher Fotoeinsteiger achtet beim Kauf der ersten Kamera auch schon auf so etwas).
Und sie sind nicht fürs manuelle Fokussieren optimiert, die Schärfe kann man auf ihren Mattscheiben kaum richtig beurteilen.

Und drei

Die relativ schwache Lichtstärke der heute üblichen Zoomobjektive (speziell auch der im Kit mitverkauften Einsteigerzooms) erzeugt eine recht große Schärfentiefe. Das macht es zusätzlich schwierig, den Punkt der präzisen Fokussierung im Sucher zu erkennen. Das geht in der großen Schärfentiefe unter.

Deshalb verwende ich fast immer den Autofokus. Aber meistens auf eine etwas andere Art.

Mein Weg

Ich fotografiere dazu häufig in einer Art Zwittereinstellung, die die Möglichkeiten des Autofokus mit den Vorgehensweisen der manuellen Fokussierung kombiniert.
Ich verwende dann den AF mit FTR, aber kombiniert mit einer besonderen Funktion. Der Autofokus wird vom Auslöser getrennt. Die Kamera stellt also nicht mehr bei jedem Druck auf den Auslöser neu scharf.
Ein Druck auf den Auslöser startet dann nur noch den Belichtungsmesser. Und wenn man den Auslöser durchdrückt, wird das Bild belichtet. Der AF aber reagiert dann überhaupt nicht mehr auf den Auslöser.
Diese Einstellung muss meistens im Menu vorgenommen werden, bei Canon z.B in den benutzerdefinierten Einstellungen, den „Customer Settings“. Bei Olympus versteckt sich diese Einstellung in den „Zahnrad“-Einstellungen unter AF.
(Mehr dazu weiter unten.)

Der Autofokus ist danach erfolgreich vom Auslöser getrennt. Aber wie wird nun fokussiert?

Back-Button-Focus

Illustration zu Back-Button-Focus

Back-Button-Focus mit Sternchentaste bei Canon DSLR (Einsteigermodell)

Illustration zu Back-Button-Focus

Back-Button-Focus mit AF-ON-Taste bei Canon DSLR

Und damit sind wir endlich bei dem oben erwähnten  „(zwei-) wichtigsten Knopf an Deiner Kamera“.
Bei einigen Kameramodellen gibt es spezielle AF-Tasten (oder AF-L- oder AF-Start-Tasten), meist gut mit dem Daumen der rechten Hand zu erreichen auf der Rückseite der Kamera. Deshalb auch Back-Button.
Bei den „kleineren“ Canon DSLRs ist das z.B. ein Knopf mit einem „Sternchen“.
Und bei einigen Modellen wie z.B. hier einer Olympus Systemkamera (Om-D E-M10) kann man auch eine Funktionstaste „Fn“ für diesen Zweck frei „programmieren“.

Illustration zu Back-Button-Focus

Back-Button-Focus mit Funktionstaste bei Olympus

Egal welcher Knopf es ist, das weitere Vorgehen ist dann gleich.
Du nimmst das zu fokussierende Bilddetail in die Bildmitte und drückst diese Taste. Die Entfernung wird eingestellt und bleibt fix, bis Du wieder auf die Taste drückst. Ob Du danach den Auslöser betätigst (evtl. auch mehrfach), spielt für den AF keine Rolle mehr.
Der Fokus bleibt wie eingestellt.



Wie stellt man den Back-Button-Focus ein?

Je nach Kamerahersteller und -modell geht das unterschiedlich.
Hier exemplarisch ein paar Beispiele:

Diese beiden Bilder zeigen das Verfahren an einem älteren Modell von Canon.
In den „Individualfunktionen“ gibt es die Möglichkeit einzustellen, welche Aufgaben der Auslöser und welche die AE-Speichertaste haben.
in Einstellung 0 übernimmt der Auslöser den AF (vor dem Schrägstrich) und die AE-Speichertaste die Speicherung des Messergebnisses der Belichtungsautomatik. In Einstellung1 „1“ tauschen die beiden die Aufgaben. Die AE-Speichertaste, mit Sternchen gekennzeichnet auf der Rückseite der Kamera („Back-Button“) steuert jetzt  den Autofokus, der Auslöser hat damit nichts mehr zu tun.

Illustrtation zum Back-Button-Focus bei Canon

Umstellung von Auslöser steuert AF (und Belichtungsmessung) auf Auslöser steuert nur Belchtunsgmessung (Abbildung unten)

Bei aktuellen Kameras von Canon wird die Umschaltung in einem Menu mit Illustrationen  vorgenommen

Bei einigen Kameras von Nikon versteckt sich die Umbelegung des Auslösers ebenfalls im Menu der Kamera. In dem mit einem Stift markierten Menubereich (den Custom Settings) in der Einstellung “a – Autofokus” gibt es den Unterpunkt “a4 – AF activation”. Dort muss AF-ON only gewählt werden, dann liegt der AF auf der AF-ON Taste.

Illustrtation zum Back-Button-Focus bei Olympus Systemkameras

Der Back-Button-Focus Olympus S-AF

Illustrtation zum Back-Button-Focus bei Olympus Systemkameras

Der Back-Button-Focus Olympus für C-AF

Bei Olympus kann man die Einstellungen für alle drei AF Modi „S-AF“, „C-AF“ und „M“ getrennt vornehmen.

Hinweis

Vorsicht, der Auslöser hat je nach Kamera nun die AE-Speicherfunktion, er behält den einmal bei halbem Druckpunkt der Kamera gemessenen Wert der Belichtungsmessung bei. Auch dann, wenn sich der Bildausschnitt ändert. Erst wenn Du den Auslöser wieder frei gibst, wird der Wert bei neuer Messung angepasst.
Bei einer Belichtungsautomatik könnte das im ungünstigen Fall zu Problemen führen, Du solltest den Auslöser erst bis zum ersten Druckpunkt drücken, wenn der Bildausschnitt feststeht.
Ist ja auch kein Problem, der AF wird ja über den Back-Button-Focus festgelegt.

Versteckter Vorteil

Oft übersehen wird beim Back-Button-Focus, das man damit nicht auf den AF-Modus AF-S  (auch „S“ oder „One-Shot“ genannt) eingeschränkt ist. Man kann trotzdem auch mit AF-C (oder „C“ oder AI-Servo oder ….) fotografieren. Die Entfernung wird dann solange nachgeführt, bis man den Knopf frei gibt.
Mehr zu diesen verschiedenen Modi des Autofokus habe ich in einem Blogbeitrag zum Autofokus veröffentlicht

Erst später …

Ich habe den Back-Button-Focus mit FTR ständig aktiviert. Ich wüsste gar nicht, wie ich ohne diese Einstellung fotografieren sollte.
Aber man muss ein paar Punkte beachten.
Wenn man mit sehr kleinen Schärfentiefebereichen fotografiert, kann es durch das Verschwenken zu einer unerwünschten Verlagerung des Schärfebereichs kommen.Das eigentlich scharf abgebildet gewünschte Motivdetail wird dann unscharf.

Und man darf natürlich nicht vergessen, den Knopf überhaupt zu verwenden, wenn die Aufnahmeentfernung sich ändert.
Als Fotoneuling „kämpft“ man gedanklich (und in der Praxis) noch mit Blende, Belichtungszeit und ISO . Dann solltest Du vorerst noch ein Weilchen beim Standard AF bleiben. Sonst vergisst Du evtl. scharf zu stellen.

Aber für später kann ich Dir diese Einstellung nur empfehlen. Sie macht vieles einfacher und schneller.

Alternative

Eine Alternative ist evtl, der Zonenfokus, bei dem man sich die Ausdehnung der Schärfentiefe zunutze macht. Das ist speziell für Themen wie Streetphotography, Reisefotografie etc. interessant.
Mehr dazu habe ich in diesem Blogbeitrag zum Zonenfokus geschrieben.

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An der Stelle darf ich vielleicht noch ein bisschen Eigenwerbung machen: Der Umgang mit dem Autofokus, aber auch ander wichtige Themen wie Belichtung, Automatiken und Belichtungskorektur,  aber auch Brennweite, Bildgestaltung und Bildbearbeitung sind ein wichtiger Teil meiner Fotokurse zu den Grundlagen der Fotografie, die ich an der Fotoschule-Ruhr.de anbiete.

/ 13. Okt 2017

2 Gedanken zu „Autofokus oder manuelles Fokussieren oder …

  1. INA

    Danke für die vielen guten Artikel … selten hab ich in so kurzer Zeit so viel dazu gelernt wie beim Stöbern in deinem Blog, danke dafür!

    Antworten
    1. Tom!Tom! Beitragsautor

      Danke! Ich freu mich, wenn der Blog hilft.
      Ich gebe mir aber auch Mühe (und mache das mit dem Erklären auch schon recht lange).
      Und wenn dann solche motivierenden Kommentar kommen, gehts nochmal so gut.

      Antworten

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