Stürzende Linien

Illustration zu stürzenden Linien

Stürzende Linien am Reichstag, hier als bewusstes Gestaltungsmittel  fotografiert.

Stürzende Linien gibt es auf vielen Fotos, gerade auch in der Urlaubs- und Reisefotografie.
Wenn man in engen Innenstädten nicht weit genug von einem Gebäude zurück gehen kann, muss man die Kamera halt oft mehr oder weniger stark nach oben richten.
Und das führt dann zu diesen schrägen Geraden. (Mehr dazu weiter unten)
Leider werden die stürzenden Linien aber häufig als Fehler des Objektivs angesehen.

Da „stolpert“ dann jemand in seinen Bildern über eine solche perspektivische Verzerrung (ein anderer Begriff für „stürzende Linien“) und fragt verunsichert in einem Forum oder bei einem sozialen Netzwerk nach.
Von hilfsbereiten Mitmenschen wird dann manchmal (im besten Glauben) erklärt, dass das halt an seinem „billigen Einsteigerobjektiv“ (meist ist es das sogenannte Kitobjektiv) läge.
Doch diese Erklärung ist falsch.
Und für den Geldbeutel ist sie nicht ganz ungefährlich. Der Fotograf kauft sich wohlmöglich ein neues, besseres, vor allem aber meist teureres Objektiv und hat weiterhin stürzende Linien in seinen Bildern.
Damit Dir das nicht passiert, möchte ich hier die Zusammenhänge ein wenig erklären.

(Leider findet man solche falschen Hinweise und Tipps in den sozialen Medien und auch in vielen YouTube-Videos häufiger. Hilfsbereitschaft und Fachwissen sind anscheinend nicht zwangsläufig in gleichem Masse verteilt. Und sie sind auch nicht immer synchron zur Zahl der Likes und Follower. ;-)
Lies dazu auch meinen Blogbeitrag zu „Trau  schau wem“ . )

Objektivfehler?

Um das zu Anfang ganz klar zu sagen, ja, es stimmt, viele (eigentlich alle) Objektive haben Fehler. Und nochmals ja, preiswerte Objektive haben gelegentlich stärkere und mehr Fehler. Aber stürzende Linien haben damit nichts zu tun, sie sind keine Objektivfehler!

Diese perspektivischen Verzerrungen sind eigentlich das Normalste von der Welt! Und deshalb  tauchen sie natürlich auch bei sehr hochwertigen Kameras und Objektiven auf. Der Grund liegt schlussendlich nicht bei der Aufnahmetechnik, sondern in unserer Wahrnehmung. Unsere visuelle Wahrnehmung der Welt ist der Grund, dass wir stürzende Linien als Fehler empfinden.
Schauen wir uns das mal genauer an.

Woher kommen stürzende Linien?

Um das zu klären, ist es am besten, wenn wir uns mit der Ursache beschäftigen.
Die Senkrechten eines Gebäudes sind Parallelen. Und solche parallele Linien, auf die wir im rechten Winkel schauen, sehen wir nebeneinander verlaufend, eben parallel.

Schauen wir dagegen schräg auf die Parallelen, so verjüngen sich die Abstände der Linien in Richtung Unendlichkeit.
Das kennt jeder, der sich Eisenbahnschienen ansieht.  (Und auch mathematisch ist das klar: „Parallelen treffen sich erst in der Unendlichkeit.“)
Und genau so, sich verjüngend, werden Eisenbahnschienen meistens gemalt.
Mit Häusern verhält es sich dagegen anders.

Gebäude

Wenn wir ein Haus malen, legen wir beim Malen fast immer viel Wert auf parallele senkrechte Linien und präzise rechte Winkel.
Und das, obwohl wir eigentlich immer zumindest ganz leicht schräg nach oben sehen müssen, um ein Haus vollständig sehen zu können.
Die senkrechten Linien laufen dann auch für unsere Augen schräg aufeinander zu, aber trotzdem würden wir ein Gebäude meistens mit parallelen Linien und rechten Winkeln malen.
Beim Malen werden die stürzende Linien oft erst dann berücksichtigt, wenn sie bewusst in die Gestaltung einbezogen werden, wenn wir z.B. im Bild an einem Hochhaus steil nach oben schauen.

Illustration zum Thema "stürzende Linien"Zweimal in die Tiefe des Bildes aufeinander zulaufende Parallelen. Bei Schienen erscheinen sie uns normal, bei Kirchen sind sie eher „gewöhnungsbedürftig“.

Empfindung

Wir Menschen (zumindest in unserem Kulturkreis) scheinen die Wiedergabe von Gebäuden mit präzise parallelen Senkrechten zu bevorzugen. Diese Wiedergaben scheint unserem visuellen Empfinden zu entsprechen.
So etwas, ein visuelles Empfinden, kennte der Fotoapparat nicht. Die Kamera empfindet nicht, sie sieht einfach nur.
Und so zeichnet sie sich verjüngenden Parallelen so auf, wie sie vorhanden sind.

Übrigens passiert das natürlich auch, wenn wir von einem hohen Standpunkt auf Gebäude herunterblicken, auch da treten sich verjüngende Linien auf, nur diesmal in die andere Richtung, nach unten.
Aber es ist die gleiche Ursache und deshalb auch das gleiche Fehlerbild.

Abbildung contra Wahrnehmung

Weil die Kamera das ganze physikalisch richtig aufzeichnet, bricht sich die Abbildung mit der Wahrnehmung. (Ein ganz ähnlicher Bruch tritt in der Fotografie zum Beispiel auch beim Weißabgleich auf, weil wir Menschen Farben anders empfinden, als die Kamera sie misst und sieht.)

Der Betrachter sieht in dem Foto eine Wiedergabe der Senkrechten, die seiner Alltagserfahrung, seinem Empfinden scheinbar widerspricht. Das irritiert ihn, er fühlt sich damit unwohl.
Es ist tatsächlich in den meisten Fällen eher ein Gefühl, der ungeschulte Betrachter wird den Grund (stürzende Linien“) oft gar nicht benennen können.

Eine solche Verunsicherung des Betrachters lenkt ihn aber ab, leitet ihn weg von dem, was das Bild eigentlich zeigen soll. Ja, die stürzenden Linien können dem Bildinhalt sogar widersprechen. Eine Immobilie soll in den meisten Fällen auf Abbildungen stabil und fest stehen, durch die stürzende Linien wirkt sie eher wie ein labiles Kartenhaus.

Stürzende Linien verhindern

Das Problem mit den stürzende Linien ist nicht neu und so gibt es verschiedene Lösungsansätze. Manche sind einfach, andere aufwendig und teuer. Der Reihe nach:

Lösung 1 

Du richtest die Kamera auf den Horizont (eigentlich: Horizont + Aufnahmehöhe) aus, der Horizont geht dann waagerecht durch die Bildmitte.
Dadurch blickst Du parallel auf die senkrechten Linien im Gebäude und diese werden parallel wiedergegeben. Dann passt evtl. aber das Gebäude, zumindest sein oberer Teil, nicht ins Bild.

Deshalb gehts Du soweit weg, dass das ganze Gebäude ins Bild passt. Oder verwendest aus kürzerem Abstand eine entsprechend kürzere Brennweite, deren größerer Bildwinkel das Gebäude komplett erfasst.

Nachteil:
Der Horizont geht durch die Bildmitte, die untere Hälfte des Bildes besteht also mehr oder weniger vollständig aus dem Boden vor dem Gebäude. Dieser Bodenbereich ist in den meisten Fällen unwichtig oder gar störend. Du müsstest also fast die Hälfte der teuer bezahlten Pixel unbenutzt wegschneiden.

„Mehr drauf“ funktioniert, kostet aber Bildqualität.

Lösung 2

Der Klassiker – „Shiften“.
Früher, als die Fotografie noch jung war (und ich auch ;-)), waren der Anteil beweglicher  Kameras viel höher. Fachkameras haben sich diese Beweglichkeit bis heute erhalten.

An ihnen kann der Fotograf u.a. die Vorderseite der Kamera, wo das Objektiv sitzt, die „Frontstandarte“, unabhängig vom Rest der Kamera bewegen.
So kann die Frontstandarte nach oben verschoben (geshiftet) werden.

Illustration zum Thema "stürzende Linien"

Links ist die Kamera geshiftet, rechts geneigt.

Die Kamera blickt dann nach oben und trotzdem steht die Rückstandarte senkrecht. Der Sensor (und natürlich auch der Film, wenn Du analog fotografierst) ist also weiterhin parallel zur Hauswand und so sind auch die Senkrechten im Bild weiterhin senkrecht und parallel.

Statt mit einer Fachkamera kann man so etwas an einer DSLR oder Systemkamera auch mit speziellen Shift-Objektiven(*) realisieren. Aber egal wie, Fachkamera oder Shiftobjketive, beides kostet ziemlich viel Geld.

Shiften ist der Königsweg, aber er ist teuer und aufwändig.

Lösung 3

Die Bildbearbeitung kann auch helfen.
Glücklicherweise ist es heutzutage möglich, diese stürzende Linien ohne viel Aufwand und mit vertretbarem Qualitätsverlusten auch nachträglich noch zu beheben. Das geht unter anderem mit dem weit verbreiteten Lightroom(*) recht einfach.

Und es funktionierte auch zu analogen Zeiten in der Dunkelkammer schon. Damals hat man einfach das Bild mit schräg gestelltem Vergrößerer (besonders ausgefuchste Modelle konnten sogar richtig shiften) auf das Fotopapier projiziert. Dadurch wurden die stürzenden Linien beim Vergrößern entzerrt.

Illustration zum Thema "stürzende Linien"

In Lightroom kann man stürzende Linien recht komfortabel entfernen

In Lightroom geht das heute viel einfacher.
Dort muss nur im Modul „Entwicklen“ unter „Transformieren“ (früher war das unter „Objektivkorrekturen“) „Upright“ verwendet werden. Meist reicht „Auto“, ansonsten spiel mit den Möglichkeiten mal rum. Die aktuellste Version von LR erlaubt es auch die Graden, die „parallelisiert“ werden sollen, mit Linien zu markieren.

(Wenn Du nur JPEGS entzerren willst und eine automatische und kostenlose Lösung suchst, probier mal ShiftN von Marcus Hebel. Zum Download ShiftN)

Auf welche Art auch immer Du nachträglich gerade stellst, Du verlierst an den Seiten des Bildes Bildinformation, fotografiere im Falle des Falles besser direkt mit etwas(!) Fleisch drumherum.

Die Korrektur der stürzenden Linien in der Bildbearbeitung ist in meinen Augen zur Zeit der beste Kompromiss aus Aufwand und Qualität.

BTW: In meinen Kursen zu den Grundlagen der Bildbearbeitung geh ich auch auf das Entzerren natürlich ausführlich ein.
Zur Information und Anmeldung

Bloß keinen Blödsinn glauben!

Du siehst, stürzende Linien sind tatsächlich kein Objektivfehler.
Und es gibt Lösungsansätze gegen diesen „Fehler“, der aus der präzisen Abbildung der Kamera (und des Objektivs) und unserer eher freien Wahrnehmung der „Realität“ entsteht
Es ist also falsch, mit vermeintlichen Fehlern einen Anfänger zu verschrecken und zu frustrieren oder gar indirekt zum unnötigen Kauf eines (zu) teuren Objektives zu bewegen.

Du solltest aufpassen, traue bloß nicht jedem im Internet, der vielleicht etwas mehr weiß als Du. Selbst dann nicht, wenn er viele Likes etc. hat.
Es gibt da draußen Leute mit immensen Followerzahlen, deren Texte (und Videos!) vor Fehlern (und vor allen Dingen ungesundem Halbwissen) nur so strotzen.
(Manchmal rollen sich mir da fast die Fußnägel hoch. ;-) )

Und was ist nun mit den Objektivfehlern?

Es gibt natürlich auch echte Objektivfehler. Die lassen sich zum Teil ebenfalls digital ganz gut bekämpfen. Einige Kameras machen das sogar schon intern bei der JPEGisierung der RAW Daten.
Später, außerhalb der Kamera, geht das unter anderem mit Lightroom(*).

Kissen- und tonnenförmige Verzeichnung

Diese Verzeichnung ist ein häufiger Fehler. Speziell bei Zooms, die von Weitwinkel bis in den Telebereich reichen, tauchen in den extremeren Brennweiten in Weitwinkelbereich tonnenförmige und im Telebereich kissenförmige Verzeichnungen auf. Eigentlich gerade Linien am Bildrand werden zu leicht (oder auch stärker) gebogenen Kurven.
(Machmal wird die Verzeichnung, wenn sei tonnenförmig auftritt, auch als „Fisheyeeffekt“ bezeichnet. Sie hat mit einem Fisheye aber nichts zu tun.)
Dieser Fehler kann in den Einstellungen „Objektivkorrektur“ in Lightroom(*) gut korrigiert werden. Für viele Objektive bringt das Programm bereits vorbereitete Profile mit, die es erlauben, die Fehler automatisch zu korrigieren.
Das gilt auch für den nächsten Fehler.

Chromatische Aberration

Durch die chromatische Aberration werden Hell-Dunkel-Kanten im Bild von farbigen Säumen umgeben. Meist schimmert eine solchen Kante rot auf der einen und grün auf der anderen Seite). Die Ursache liegt in der unterschiedlichen Brechung der einzelnen Farben des Lichtes.
Auch dieser Fehler lässt sich in der Bearbeitung meist recht gut bearbeiten.

Illustration, Beispiel einer Chromatischen Aberration

Im oberen Bild kann man gut die farbigen Linien an den Hell-Dunkel-Kanten erkennen. Im unteren wurden sie mit Lightroom „repariert“.
Es handelt sich um einen Randauschnitt aus einem Fisheyebild, da sind oft sehr starke CAs zu finden.

Weitere Objektivfehler

Das Thema Objektivfehler ist hier noch lange nicht zu ende, aber auf andere Punkte wie Bildfeldwölbung, Koma, Astigmatismus etc. werde ich nicht eingehen, das würde den Rahmen hier sprengen. Und mit stürzenden Linien hätte das auch nicht mehr viel zu tun.

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Fazit:

Lass Dir keinen Blödsinn erzählen. Stürzende Linien sind kein Objektivfehler, man kann sie vielmehr schon bei der Aufnahme verhindern und auch noch  hinterher beheben.
Mach Dir keine Sorgen um Dein Objektiv, mach stattdessen lieber spannende Fotos. Dann spielen die Fehler eh keine (oder nur eine untergeordnete ) Rolle.


(*) Dies ist ein sogenannter Affiliate Link. Wenn Du hierüber etwas kaufst, erhalte ich eine paar Prozente, ohne dass Du deshalb mehr bezahlen musst. Klassisches Win-Win also.
Und wenn Du meinst, ich hätte das nicht verdient, dann lässt Du es eben. ;-)

/ 03. Okt 2017

3 Gedanken zu „Stürzende Linien

  1. Oliver Jennrich

    Schön erklärt. Nur zwei Anmerkungen: Der eigentliche Grund für die stürzenden Linien ist einfach zu veranschaulichen. Dinge, die weiter weg sind, werden kleiner abgebildet. Eine Bahnschwelle (oder ein Festerrahmen) der weiter von der Kamera entfernt ist, wird kleiner abgebildet als eine(r) dichter an der Kamera. Also laufen parallele Linien zusammen. Die Geschichte mit den Parallelen, die sich um Unendlichen treffen – nun ja.

    Antworten

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