Stürzende Linien

Illustration zu stürzenden Linien

Stürzende Linien am Reichstag, hier als bewusstes Gestaltungsmittel  fotografiert.

(Ergänzt & überarbeitet Mai 2022) Stürzende Linien gibt es auf vielen Fotos, gerade auch in der Urlaubs- und Reisefotografie.
Der Grund dahinter ist meist banal, man richtet die Kamera nach oben, um auch das Dach eines Gebäudes aufs Bild zu bekommen.
Wenn bei großen Gebäuden der Bildwinkel (Weitwinkel) knapp wird und man in engen Innenstädten auch keine Möglichkeit hat, weiter zurück zu gehen, muss man die Kamera oft mehr oder weniger stark nach oben richten.

Und das führt dann quasi automatisch zu diesen schrägen Geraden. Das arme Objektiv kann aber gar nicht dafür. (Mehr dazu weiter unten)
Leider werden die stürzenden Linien aber häufig (fälschlicherweise) als Fehler des Objektivs angesehen.

Da findet dann jemand in seinen Urlaubsbildern eine solche perspektivische Verzerrung (ein anderer Begriff für „stürzende Linien“) und fragt in einem Forum oder bei einem sozialen Netzwerk nach.

Von hilfsbereiten Mitmenschen wird ihm als Antwort manchmal (durchaus im besten Glauben) erklärt, daß das halt an seinem „billigen Einsteigerobjektiv“ läge. Und gerade bei Anfängern kommt ja oft das zusammen mit der Kamera gekaufte preiswerte „Kitobjektiv“ zum Einsatz, von dem man nicht unbedingt optische Höchstleistungen erwartet. Es könnte also wirklich am Objektiv liegen…
Doch diese Erklärung ist falsch!

Und für den Geldbeutel ist sie nicht ganz ungefährlich. Der Fotograf kauft sich wohlmöglich ein neues, besseres, vor allem aber meist teureres Objektiv und hat trotzdem weiterhin stürzende Linien in seinen Bildern.
Damit Dir das nicht passiert, möchte ich hier die Zusammenhänge ein wenig erklären.

(Leider findet man falsche Hinweise und Tipps in den sozialen Medien und auch in vielen YouTube-Videos häufiger. Hilfsbereitschaft und Fachwissen sind anscheinend nicht zwangsläufig in gleichem Maße verteilt. Und die Qualität des Wissens verhält sich auch nicht immer synchron zur Zahl der Likes und Follower eines „Influencers“. ;-)
Lies dazu auch meinen Blogbeitrag zu „Trau  schau wem“ . )

Objektivfehler?

Um das zu Anfang ganz klar zu sagen, ja, es stimmt, viele (eigentlich alle) Objektive haben Fehler. Und nochmals ja, preiswerte Objektive haben gelegentlich mehr und stärker ausgeprägte Fehler.
Aber stürzende Linien haben damit nichts zu tun, sie sind keine Objektivfehler!

Diese perspektivischen Verzerrungen sind im Gegenteil eigentlich das Normalste von der Welt! Und deshalb  tauchen sie natürlich auch bei sehr hochwertigen Kameras und Objektiven auf. Die Ursache für das Phänomen der stürzenden Linien liegt schlussendlich nicht bei der Aufnahmetechnik, sondern in unserer Wahrnehmung. Unsere visuelle Wahrnehmung der Welt ist der Grund, dass wir diese Art der Wiedergabe senkrechter Linien eines Gebäudes als Fehler empfinden.
Schauen wir uns das mal genauer an.

Woher kommen stürzende Linien?

Um das zu klären, ist es am besten, wenn wir uns mit der Ursache beschäftigen.
Die Senkrechten eines Gebäudes sind Parallelen. Und solche parallelen Linien sehen wir natürlich nebeneinander verlaufend, also parallel, wenn wir im rechten Winkel auf sie schauen

Blicken wir dagegen schräg auf die Parallelen, so verjüngen sich die Abstände der Linien in Richtung Unendlichkeit.
Das kennt jeder, der sich Eisenbahnschienen in Ihrem Verlauf in die Fern ansieht.  (Und auch mathematisch ist das klar: „Parallelen treffen sich erst in der Unendlichkeit.“, so zumindest habe ich das damals gelernt.)
Und genau so, sich verjüngend, werden Eisenbahnschienen auch häufig gemalt.
Mit Häusern verhält es sich dagegen gänzlich anders.

Gebäude

Schon als Kinder…

Wenn wir ein Haus malen, legen wir beim Malen in der Regel viel Wert auf parallele senkrechte Linien und präzise rechte Winkel.
Und das, obwohl wir eigentlich immer (zumindest ganz leicht) schräg nach oben sehen müssen, um ein Haus vollständig sehen zu können.
Die senkrechten Linien laufen dann natürlich für unsere Augen sichtbar schräg aufeinander zu. Aber trotzdem werden wir ein Gebäude meistens mit parallelen Linien und rechten Winkeln malen.

Beim Malen werden die stürzende Linien wenn überhaupt dann oft erst dann berücksichtigt, wenn sie bewusst in die Gestaltung einbezogen werden, wenn wir z.B. in der Zeichnung an einem Hochhaus steil nach oben schauen.

Illustration zum Thema "stürzende Linien"Zweimal in die Tiefe des Bildes aufeinander zulaufende Parallelen. Bei Schienen erscheinen sie uns normal, bei Kirchen sind sie eher „gewöhnungsbedürftig“. (Können aber, bewusst eingesetzt, auch ein Gestaltungsmittel sein.)

Empfindung

Wir Menschen scheinen die Wiedergabe von Gebäuden mit präzisen parallelen Senkrechten zu bevorzugen (zumindest in unserem Kulturkreis). Diese Wiedergaben scheint unserem visuellen Empfinden zu entsprechen.
So etwas, ein visuelles Empfinden, kennt der Fotoapparat aber nicht. Die Kamera empfindet nicht, sie sieht einfach nur.
Und so zeichnet sie sich verjüngenden Parallelen ganz einfach genau so auf, wie sie für das Objektiv sichtbar sind.

Übrigens passiert das natürlich auch, wenn wir von einem hohen Standpunkt auf Gebäude herunterblicken, auch da treten sich verjüngende Linien auf, nur diesmal in die andere Richtung, nach unten.
Aber es ist die gleiche Ursache und deshalb auch das gleiche Fehlerbild.

Abbildung contra Wahrnehmung

Weil die Kamera das ganze physikalisch richtig aufzeichnet, bricht sich die Abbildung mit der Wahrnehmung. (Ein ganz ähnlicher Bruch tritt in der Fotografie zum Beispiel auch beim Weißabgleich auf, weil wir Menschen Farben anders empfinden, als die Kamera sie physikalisch richtig misst und „sieht“. Siehe auch meinen Blogbeitrag dazu unter „Richtiger“ Weißabgleich – ein Ammenmärchen).

Der Betrachter sieht in dem Foto mit stürzenden Linien eine Wiedergabe der Senkrechten, die seiner Alltagserfahrung, seinem Empfinden scheinbar widerspricht. Das irritiert ihn, er fühlt sich damit unwohl.
Es ist tatsächlich in den meisten Fällen eher ein Gefühl, der ungeschulte Betrachter wird den Grund („stürzende Linien“) oft gar nicht benennen können.

Eine solche Verunsicherung des Betrachters lenkt ihn aber ab, leitet ihn weg von dem, was das Bild eigentlich zeigen soll. Ja, die stürzenden Linien können dem Bildinhalt sogar widersprechen. Eine Immobilie soll in den meisten Fällen auf Abbildungen stabil und fest stehen, durch die stürzende Linien wirkt sie eher wie ein labiles Kartenhaus.

Verdreht oder geneigt? …. oder gar verdreht und geneigt?

Für ungeübte Augen ist es manchmal schwer zu entscheiden, ob die Kamera verdreht war oder ob es sich tatsächlich um stürzende Linien handelt. Das gilt speziell dann, wenn der Horizont im Bild nicht zu sehen ist und als einfache Orientierungshilfe für die waagerechte Ausrichtung wegfällt.

Man kann die waagerechte Ausrichtung  aber auch, zumindest indirekt, ganz gut an einer senkrechten Linie in direkter Nähe der Bildmitte erkennen. Wenn die Kamera im Lot war, der (unsichtbare) Horizont also waagerecht durchs Bild verlaufen müsste, dann ist zumindest eine Senkrechte in der Bildmitte auch im Bild senkrecht.
Auch bei nach oben gerichteter Kamera würde diese spezielle Senkechte weiterhin senkrecht bleiben. Das „Stürzen“ tritt dagegen nur bei Linien außerhalb er Mitte auf — je weiter außerhalb, desto stärker. Und dieser Effekt ist symmetrisch, asymmetrisch stürzenden Linien deuten auf einen (zusätzlich) verdrehten Horizont hin.

Stürzende Linien, immer ein Fehler?

Bevor wir uns jetzt um die Mittel gegen stürzende Linien kümmern, ist mir ein Hinweis noch wichtig.
In diesem Text geht es ja nicht nur um die Ursachen für stürzende Linien, sondern auch darum, wie man sie schon im Vorfeld vermeidet oder wie man sie nachträglich verschwinden lassen kann.
Das könnte jetzt den Eindruck erwecken, stürzende Linien wären prinzipiell schlecht, grundsätzlich ein Fehler in der Aufnahmetechnik oder Bildgestaltung.

Doch das wäre völlig falsch, sie sind keinesfalls immer ein Fehler.

Im Gegenteil, sie können in bestimmten Situationen ein wichtiges und überzeugendes Gestaltungsmittel sein um Höhe, Entfernung, Dynamik u.a. auszudrücken.
Da sie aber in solchen Fällen (geplant oder zufällig) richtig eingesetzt werden, fallen sie oft überhaupt nicht als stürzende Linien auf, man nimmt sie dann gar nicht direkt und bewusst wahr.
Deshalb kommt es auch nur selten zu der Frage, was man denn machen könne, um stürzende Linien in Bildern bewusst herbeizuführen.

Wenn ihr Auftreten dagegen für eine Bildidee ungünstig ist, wenn sie die Bildgestaltung stören, dann fallen sie störend auf. Und nun stellt sich die Frage, was man gegen sie unternehmen könne.
Um die Antwort auf diese Frage geht es mir hier in diesem Text.

Stürzende Linien verhindern

Das Problem mit den stürzenden Linien ist so alt wie die Fotografie und so gibt es verschiedene Lösungsansätze. Manche sind einfach, andere aufwendig und teuer. Hier der Reihe nach die wichtigsten Ideen:

Lösung 1 

Du richtest die Kamera auf den Horizont (eigentlich: Horizont + Aufnahmehöhe) aus, der Horizont geht dann waagerecht durch die Bildmitte.
Dadurch blickst Du parallel auf die senkrechten Linien im Gebäude und diese werden parallel wiedergegeben. Dann passt evtl. aber das Gebäude, zumindest sein oberer Teil, nicht ins Bild.

Deshalb gehts Du soweit zurück, dass das ganze Gebäude ins Bild passt. Oder verwendest aus unverändertem Abstand eine entsprechend kürzere Brennweite, deren größerer Bildwinkel das Gebäude komplett erfasst.

Nachteil:
Der Horizont geht durch die Bildmitte, die untere Hälfte des Bildes besteht also mehr oder weniger vollständig aus dem Boden vor dem Gebäude. Dieser Bodenbereich ist in den meisten Fällen unwichtig oder gar störend. Du müsstest also fast die Hälfte der teuer bezahlten Pixel später unbenutzt wegschneiden.

„Mehr drauf“ funktioniert, kostet aber Bildqualität.

Lösung 2

Der Klassiker – „Shiften“.
Früher, als die Fotografie noch jung war, war der Anteil voll beweglicher Kameras viel höher. Fachkameras haben sich diese Flexibilität bis heute erhalten.

An ihnen kann der Fotograf u.a. die Vorderseite der Kamera, wo das Objektiv sitzt, die „Frontstandarte“, unabhängig vom Rest der Kamera bewegen.
So kann die Frontstandarte nach oben verschoben (geshiftet) werden.

Illustration zum Thema "stürzende Linien"

Links ist die Kamera geshiftet, rechts geneigt.


Wie funktioniert das genau?

(Das Bild steht durch die Projektion in der Kamera eigentlich auf den Kopf. In den drei folgenden Abbildungen habe ich das Bild um 180° gedreht, damit das Verfahren leichter nachzuvollziehen ist.)

Bei gleicher Brennweite ist die Größe der abgebildeten Motivdetails gleich. Aber Objektive können sich nicht nur in Brennweite und Lichtstärke unterschieden, sondern auch in der Größe ihres Bildkreises. 

Illustration zu Bildkreis

Bei gleicher Brennweite ist die Abbildung gleich groß, aber der größere Bildkreis links zeigt mehr vom Motiv

Bei einem Objektiv mit kleinerem Bildkreis wird nur knapp der Bereich des Sensors/Films vom Bildkreis abgedeckt. Beim größeren Bildkreis sind auch weiter außen liegende Bilddetails vorhanden, wirken sich aber nicht auf das Bild aus. 
Solche Objektive sind in der Regel für Kameras mit größeren Aufnahmeformaten gedacht, die dann bis an den Rand des Bildkreises reichen.
An den kleineren Aufnahmeformatien erlaubt der größere Bildkreis eine außermittige Lage des Objektivs (geshiftet), ohne dass es zu Vignettierungen u.ä. kommt.

Illustration zu Bildkreis und Sensorgröße

Trotz größeren Bildkreises ist links bei gleicher Brennweite der vom gleich großen Sensor erfasste Bildausschnitt (und damit der Bildwinkel, die „gefühlte“ Brennweite) identisch. Allerdings könnte der größere Bildkreis einen größeren Sensor belichten und dort einen größeren Bildwinkel wiedergeben.

Illustartion zu Bildkresi und Shiften

Der größere Bildausschnitt kann geshtiftet/verschoben werden ohne daß die Ränder des Bildkreises sichtbar werden. Das geht mit dem kleineren Bildkreis nicht, hier werden mehr oder weniger große Bereiche des Sensors durch das Shiften nicht belichtet.

Beim Shiften/Verschieben des Objektivs mit kleinem Bildkreis nach oben wird der untere Teil des Bildes (durch die Drehung ist das der obere Teil des Motivs)  dunkler werden und auch an Qualität und Schärfe verlieren.

Wenn statt dessen ein Objektiv mit größerem Bildkreis verwendet wird, kommen durch das Verschieben andere Motivbereiche ins Bild (also in den Aufzeichnungsbereich des Sensors/Films), die vorher nicht sichtbar waren. 
Da das Bild durch die Projektion in der Kamera auf dem Kopf steht, kommen beim Verschieben des Objektivs nach und nach die oberen Bereiche des Motivs, also z.B. die oberen Geschosse und das Dach eines Gebäudes ins Bild. 
Die unteren Bereiche wandern dagegen nach und nach und nach aus dem Bild.

Illustration zu Tot-Shift-Objektiv

Ein Tilt-Shift-Objektiv von Canon. Es kann zur Vermeidung stürzenden Linien geshiftet werden, das Objektiv wandert dann in der Regel (Ausnahme: Blick von hohen Gebäuden o.ä.) nach oben (links). Der Bildkreis dieses Objektivs reicht in etwa aus, um auch ein Mittelformat negativ auszuleuchten, der in dem Fall vom Sensor/Film aufgezeichnete Bereich entspräche einer Brennweite von 24mm an der Kleinbildkamera. „In etwa und ungefähr“, da der aus Gründer der Bildqualität Vignettierung nutzbäre Bildkreis durch Abblenden wächst.

Schiften per Front- oder Rückstandarte, was ist besser?

Zum Shiften kann das Objektiv nach oben wandern. Aber auch mit nach einer festen Objektivposition kann geshiftet werden. Dann wird der Sensor/Film nach unten verschoben, um das Dach in den Bildausschnitt zu holen.
Auf den ersten Blick erwartet man dann ein übereinstimmendes Ergebnis.

Aber es gibt je nach Motiv deutliche Unterschiede. Durch ein Verschieben des Objektivs bzw. der Frontstandarte verschiebt sich die Aufnahmehöhe. Dadurch kann es zu Veränderungen in der relativen Lage von Vorder- und Hintergrund kommen. (Parallaxenproblematik).
Beim Shiften durch Verschieben des Sensors (der Rückstandarte) bleibt der Bildinhalt gleich. Das ist also prinzipiell der bessere Weg. 

Nach dem Shiften

Es ist egal, auf welche Art gestiftet wird, im Ergebnis wird das Dach sichtbar und trotzdem steht die Rückstandarte senkrecht. Der Sensor (und natürlich auch der Film, wenn Du analog fotografierst) ist also weiterhin parallel zur Hauswand und so sind auch die Senkrechten im Bild weiterhin senkrecht und parallel.

Statt mit einer Fachkamera kann man auch mit einer DSLR oder Systemkamera mit einem speziellen Shift-Objektiv(*) die Darstellung korrigieren.
Doch egal auf welche Art, ob Fachkamera oder Shiftobjektive, beides kostet ziemlich viel Geld.

Shiften ist der Königsweg, aber er ist teuer und aufwändig.

Lösung 3

Die Bildbearbeitung kann auch helfen.
Glücklicherweise ist es heutzutage möglich, diese stürzende Linien ohne viel Aufwand und mit vertretbarem Qualitätsverlusten auch nachträglich noch zu beheben. Das geht unter anderem mit dem weit verbreiteten Lightroom(*) recht einfach und automatisch.

Und es funktionierte auch zu analogen Zeiten in der Dunkelkammer schon. Damals hat man einfach das Bild mit schräg gestelltem Vergrößerer (besonders ausgefuchste Modelle konnten sogar „richtig“ shiften) auf das Fotopapier projiziert. Dadurch wurden die stürzenden Linien beim Vergrößern entzerrt.

Illustration zum Thema "stürzende Linien"

In Lightroom kann man stürzende Linien recht komfortabel entfernen

In Lightroom(*) geht das heute viel einfacher.
Dort muss nur im Modul „Entwicklen“ unter „Transformieren“ (früher war das unter „Objektivkorrekturen“) „Upright“ verwendet werden.
Meist reicht die Einstellung „Auto“. Falls nicht kannst Du aber auch von Hand vorgehen.
Die aktuellste Version von LR erlaubt es auch die geraden Linien im Bild, die „parallelisiert“ werden sollen, mit Linien zu markieren.

(Wenn Du nur JPEGS entzerren willst und Lightroom nichtpur Verfügung steht, dann probier mal ShiftN von Marcus Hebel (Danke!). Das ist eine automatische und kostenlose Lösung.
Zum Download ShiftN)

Auf welche Art auch immer Du nachträglich entzerrst, Du verlierst an den Seiten des Bildes Bildinformation, fotografiere im Falle des Falles also lieber direkt mit etwas(!) Fleisch drumherum.

Die Korrektur der stürzenden Linien in der Bildbearbeitung ist in meinen Augen zur Zeit der beste Kompromiss aus Aufwand und Qualität.

Warum in Lightroom entzerren und nicht in Photoshop?_

Die Frage wird mir so oder ähnlich öfter gestellt.
Und die Antwort ist einfach: in Lightroom ist diese Veränderung immer non-destruktiv! Meinem Ursprungsbild passiert also nichts, falsche Entscheidungen in der Bearbeitung lassen sich immer rückgängig machen.

Und mindestens genauso wichtig: alle aus diesem RAW erzeugten „Kinder-Bilder“ erhalten automatisch die Veränderungen. 

 

BTW: In meinen Kursen zu den Grundlagen der Bildbearbeitung geh ich natürlich auch auf das richtige Entzerren ausführlich ein.
Zur Information und Anmeldung

Bloß keinen Blödsinn glauben!

Du siehst, stürzende Linien sind tatsächlich kein Objektivfehler.
Und es gibt Lösungsansätze gegen diesen „Fehler“, der aus der präzisen Abbildung der Kamera (und des Objektivs) und unserer eher freien Wahrnehmung der „Realität“ entsteht
Es ist also falsch, mit vermeintlichen Fehlern einen Anfänger zu verschrecken und zu frustrieren oder gar indirekt zum unnötigen Kauf eines (zu) teuren Objektives zu bewegen.

Du solltest aufpassen, traue bloß nicht jedem im Internet, der scheinbar etwas mehr weiß als Du. Selbst dann nicht, wenn er viele Likes etc. hat.
Es gibt da draußen Leute — auch mit zum Teil riesigen Followerzahlen — deren Texte (und vor allem auch Videos!) vor inhaltlichen Fehlern und ungesundem Halbwissen nur so strotzen.
(Manchmal rollen sich mir da fast die Fußnägel hoch. ;-) )

Hier mehr dazu: Trau? Schau wem! oder: „Unter den Blinden ist der einäugige König“

Und was ist nun mit den Objektivfehlern?

Es gibt natürlich auch echte Objektivfehler. Die lassen sich zum Teil ebenfalls digital ganz gut bekämpfen. Seit einigen Jahren machen manche Kameras das schon direkt intern bei der JPEGisierung der RAW Daten. (Für den Fotografen, der RAW nicht verwendet, bleiben diese Fehler der Objektive also verborgen.)
Später, außerhalb der Kamera, geht die Korrektur bei RAW-Daten unter anderem mit Lightroom(*).
Auch dazu bringen einige Kameras in ihren RAW-Daten bereits die Korrekturwerte mit, die Lightroom später automatisch anwendet.

Vignettierung

Die Abbildung des Motivs wird zum Rand des Bildkreises hin immer dunkler. Ist der Bildkreie für den Sensor ein wenig knapp, kann sie in den Bildecken sichtbar werden. Eins solche Vignettierung ist bei weit geöffneter Blende meist stärker, abbinden hilft also dagegen.
Und in Lightroom und anderen Programmen lässt sich dieser Fehler auch automatisch korrigieren.

(Aus gestalterischen Gründen kann eine (schwache) Vignette manchmal sinnvoll sein, sie „schliesst“ die Ränder und Ecken und hält dadurch den Betrachter im Bild.)

Kissen- und tonnenförmige Verzeichnung

Diese Verzeichnung ist ein häufiger Fehler. Speziell bei Zooms, die von Weitwinkel bis in den Telebereich reichen, tauchen in den extremeren Brennweiten in Weitwinkelbereich tonnenförmige und im Telebereich kissenförmige Verzeichnungen auf. Eigentlich gerade Linien am Bildrand werden zu leicht (oder auch stärker) gebogenen Kurven.
(Machmal wird die Verzeichnung, wenn sie tonnenförmig auftritt, auch als „Fisheyeeffekt“ bezeichnet. Sie hat mit einem Fisheye aber nichts zu tun.)
Dieser Fehler kann in den Einstellungen „Objektivkorrektur“ in Lightroom(*) gut korrigiert werden. Für viele Objektive bringt das Programm bereits vorbereitete Profile mit, die es erlauben, die Fehler automatisch zu korrigieren.
Das gilt auch für den nächsten Fehler.

Chromatische Aberration

Durch die chromatische Aberration werden Hell-Dunkel-Kanten im Bild von farbigen Säumen umgeben. Meist schimmert eine solchen Kante rot auf der einen und grün auf der anderen Seite). Die Ursache liegt in der unterschiedlichen Brechung der einzelnen Farben des Lichtes.
Auch dieser Fehler lässt sich in der Bearbeitung meist recht gut bearbeiten.

Illustration, Beispiel einer Chromatischen Aberration

Im oberen Bild kann man gut die farbigen Linien an den Hell-Dunkel-Kanten erkennen. Im unteren wurden sie mit Lightroom „repariert“.
Es handelt sich um einen Randauschnitt aus einem Fisheyebild, da sind oft sehr starke CAs zu finden.

Weitere Objektivfehler

Das Thema Objektivfehler ist hier noch lange nicht zu Ende, aber auf andere Punkte wie Bildfeldwölbung, Koma, Astigmatismus etc. werde ich jetzt nicht eingehen, das würde den Rahmen hier sprengen. Und mit stürzenden Linien hätte das auch nicht mehr viel zu tun.

zum Fotokurs

Fotokurse mit Tom! Striewisch

Fazit:

Lass Dir keinen Blödsinn erzählen. Stürzende Linien sind kein Objektivfehler, man kann sie vielmehr schon bei der Aufnahme verhindern und auch noch  hinterher beheben.
Mach Dir also keine Sorgen um Dein Objektiv, mach stattdessen lieber spannende Fotos. Dann spielen die Fehler eh keine (oder nur eine untergeordnete ) Rolle.

Zur Erinnerung ;-)
In meinen Kursen zu den Grundlagen der Bildbearbeitung geh ich natürlich auch auf das richtige Entzerren ausführlich ein.
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8 thoughts on “Stürzende Linien

  1. Oliver Jennrich

    Schön erklärt. Nur zwei Anmerkungen: Der eigentliche Grund für die stürzenden Linien ist einfach zu veranschaulichen. Dinge, die weiter weg sind, werden kleiner abgebildet. Eine Bahnschwelle (oder ein Festerrahmen) der weiter von der Kamera entfernt ist, wird kleiner abgebildet als eine(r) dichter an der Kamera. Also laufen parallele Linien zusammen. Die Geschichte mit den Parallelen, die sich um Unendlichen treffen – nun ja.

  2. Elli

    Eine weitere Lösung wäre noch, mit der Kamera auf halbe Höhe des zu fotografierenden Gebäudes zu kommen. Also statt einem neuen Objektiv eine Feuerwehrdrehleiter oder Drohne zulegen. Erweitert auch deutlich den kreativen SPIELraum als eine weitere schwarze Röhre ;-)
    Lieben Dank für die vielen lesenswerten Artikel. Was ich nicht gefunden habe ist ein Einkaufsberater zu dem wiederkehrenden Satz „kauf ne neue Kamera“ …

    1. Tom! Beitragsautor

      Danke für den Kommentar.
      Den Satz „kauf ne neue Kamera“ wirst Du bei mir aber auch so gut wie gar nicht finden. Und deshalb dann auch keinen Einkaufsberater… ;-)
      Eher schon den Hinweis, nicht falsche Prioritäten zu setzen.

      Die meisten Leute achten anscheinend zu viel auf theoretisch mögliche Bildqualität, die hinterher am fertigen Bild an der Wand oder auf dem TV eh keiner sieht oder vermisst.
      Und viele empfinden sich als fotografische Pfadfinder, die allzeit bereit sein wollen.
      Dann wird in der Konsequenz entweder die ganze Zeit über viel zu viel geschleppt um für seltene Eventualitäten gewappnet zu sein oder es werden eierlegende Wollmilchsäue (z.B. „Immerdraufobjektive“) angeschafft, die die ganze Zeit über zu Einschränkungen bei den Dingen sorgen, die man am meisten|liebsten macht.
      Schönen Tag noch!
      Tom!

  3. Pingback: Analoge Bildbearbeitung

  4. Mandi

    Danke Tom, super erklärt, ausführlich und differenziert. Leider lesen das wohl vor allem jene, die sich vertieft informieren wollen und die Grundlagen schon kennen …
    Noch ein Hinweis: Ein waagrechter Horizont ist noch kein Hinweis für eine „waagrecht ausgerichtete Kamera“. Wenn ich die Kamera exakt in der Achse nach oben oder unten kippe bleibt der Horizont schön waagrecht – aber es entstehen trotzdem stürzende Linien. Das verwirrt Fotograf*innen immer wieder: Im Display wird ein waagrechter Horizont angezeigt, trotz gekippter Kamera …
    MHG Mandi

    1. Tom! Beitragsautor

      Hallo Mandi,
      Danke für das Lob.
      Und danke für den Hinweis, ich werde das wohl ändern in „waagerechter Horizont in Bildmitte“, dann sollte das passen.

      Liebe Grüße,
      Tom!

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