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Kritik der Kritik der Bildkritik

Illustartion zu Bildkritik

Gerüchten zufolge hat der Fotografie Professor Steinert an der renomierten Folkwang-Schule in Essen einen „Scheiße“-Stempel besessen und diesen durchaus auch eingesetzt. (Das hier ist kein Original aus der Zeit)

Es ist schon komisch: da möchten viele gerne etwas zur Gestaltung ihrer Fotos erfahren. Die Frage, wie ihre Bilder wirken, beschäftigt halt doch eine ganze Menge Fotografen.
Im Internet und speziell in den sozialen Medien sind deshalb fundierte Reaktionen auf Bilder auf der einen Seite durchaus sehr begehrt – und zum Glück gibt es auch immer wieder Menschen, die sich mehr oder weniger ausführlich mit fremden Bildern beschäftigen.

Aber andererseits gibt es als Antwort auf zum Teil sehr ausführliche und gut begründete Auseinandersetzungen mit Bildern (um das für einige nicht unbelastete Wort „Kritik“ mal zu vermeiden) wenn überhaupt, dann manches Mal nur eine kühle, bisweilen gar harsche Reaktion für den Kritiker.

Ich werde im Folgenden weiterhin von „Kritik“ sprechen, auch wenn das Wort für einige anscheinend leider eher negativ belastet ist. Es geht mir dabei um (hoffentlich) gut begründete Äußerungen zu Bildern. Ob das dann Kritik, Bildbesprechung, -beurteilung, Gestaltungsanalyse etc. pp. genannt wird, ist relativ egal.
Kritiken müssen natürlich auch nicht negativ sein.
Aber positive Kritiken rufen meist keine abwehrenden Reaktionen hervor — ein erster Hinweis?

Vorab: Ausnahmen

Es gibt zwei Bereiche, die ich bei den folgenden Überlegung ausklammern möchte.

Mieslinge
Es gibt leider einige miese Menschen, die unter dem Deckmantel der Kritik ihr Gegenüber nur niedermachen wollen. Die kann man getrost vergessen, um deren Äußerungen geht es mir hier natürlich nicht. Ich würde empfehlen, sich in der Regel gar nicht erst auf eine Diskussion mit diesen Leuten einzulassen, sondern sie schlicht und einfach zu ignorieren.
Das gilt auch für die MItleser in den sozialen Medien. Allzuoft springt dann jemand dem armen Fotografen bei udn entfacht eien Situation, dei den Miesling erfreut. Ignorieren ist das d besser Weg. (Siehe auch: „Der Angler„.)

Persönliche Erinnerung
Einige Fotos haben ihre Aufgabe nicht in der Mitteilung an andere, sie sind überhaupt nicht für die öffentliche Präsentation bestimmt. Ihre Aufgabe ist vielmehr die persönliche Erinnerung eines Menschen (oder einer kleinen Gruppe — Familie, Freunde) an Situationen, Menschen, Dinge, etc.

Bildkritik ist für diese Bilder oft unnötig, denn die Gestaltung ist zweitrangig.
Primär zählt da der Inhalt, nicht die Form.

Je weniger speziell aber diese Erinnerungen sind und je größer der Kreis der Betrachter, desto wichtiger wird aber auch bei diesen Bildern die Gestaltung.
Und dann spielt natürlich auch wieder der Umgang mit Kritik eine Rolle.

Es reicht doch, wenn es dem Fotografen gefällt

Häufig stoße ich in letzter Zeit auf eine etwas harmlosere Variante des Umgangs mit Bildkritik. In diesen Fällen heißt es auf eine (manches Mal durchaus ausführliche und nachvollziehbar begründete) Kritik hin, daß man diese doch getrost vernachlässigen könne. Es wäre schliesslich völlig ausreichend, wenn das Bild dem Fotografen selber gefalle.

Solche Reaktionen kommen oft gar nicht vom Fotografen selber, sondern von gutmeinenden Mitlesern in den sozialen Medien, die vermutlich den Fotografen trösten wollen. Da heißt es dann:

Es kommt aber auch immer auf den eigenen Anspruch an, den man an das Foto hat, und wenn es dir gefällt, ist doch alles gut.

…. da aber das Bild dem Fotografen so gefällt ist das nicht zu kritisieren!

…. ist doch egal. Hauptsache dem Ersteller gefällt’s.

Aber schauen wir uns das mal an. Ist diese Behauptung richtig? Stimmt es wirklich, daß es reicht, wenn ein Bild dem Fotografierenden gefällt?

Sprechende Bilder

„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte!“ Das wirst Du schon gehört haben. Damit wird Bezug genommen auf die Fähigkeit und Aufgabe der Bilder — und dazu gehören natürlich auch Fotos —  jemandem etwas mitzuteilen, zu kommunizieren.
Wenn jemand ein Bild anderen Menschen präsentiert, es evtl. sogar in einer Gruppe Gleichinteressierter zeigt, dann ist das ja durchaus eine Art von Kommunikation. Er startet ein „Gespräch“. Zwar nicht, indem er mit der Sprache etwas äußert,  aber eben indem er eine visuelle Mitteilung macht und diese seinem Publikum präsentiert.
Und auf eine solche Mitteilung reagieren die anderen Menschen, zumindest einige.

Es kann dem Fotografen bei der Kommunikation natürlich auch ausschliesslich um eine Mitteilung über die visuellen Eigenschaften des abgebildeten Motivs gehen. „So sieht es aus!“. Dann sind wir aber wieder in der Region der weiter oben (im Einschub) angeführten Erinnerungsbilder. Oder bei Sachverständigenfotos.

Ich gehe also davon aus, dass der eine oder andere sicherlich erfreut wäre, wenn er mitgeteilt bekäme, wie sein Bild auf andere wirkt. Gerade wenn es in Gruppen gezeigt wird, in denen sich nicht nur sehr erfahrene Fotografen tummeln, die sich ihrer Gestaltungsfähigkeiten sicher sind,

Es ist vermutlich für jeden, der sich mit Bildgestaltung auseinandersetzt, interessant zu erfahren, wie sein Bild  ankommt und empfunden wird. Man möchte als Fotograf wissen, welche Emotionen ein Foto auslöst, welche Ideen und Assoziationen es weckt.
(Die mir recht häufig gestellten Fragen nach Bildbesprechungen — die dann folgerichtig einen sehr wichtigen Teil meines Grundlagenkurses zur Bildgestaltung ausmachen — bestätigen diese Vermutung.)

„Der Fotograf wollte es so!“ als Reaktion auf Bildkritik geht auf diesen Aspekt der Kommunikation aber leider gar nicht ein. Fotograf und Bild bleiben dadurch in ihrer eigene Blase gefangen und die Gestaltung verharrt ohne weitere Entwicklungsimpulse im „Status Quo“.
Wenn man gestalterisch weiterkommen möchte, ist es sehr hilfreich, die Wirkung auf andere als wichtigen Teil dieser visuellen Kommunikation zu berücksichtigen, sich „Feedback“ zu den Bildern zu holen.

Die Meinungen von Freunden und Familienmitgliedern können erste Hinweise geben, aber oft kommt von dieser Seite nur ein „Tolles Foto!“ weil alles so schön scharf oder bunt ist. Dieser „Kritiker“ weiß, dass er bereits an den technischen Fragen der Fotografie gescheitert wäre. Die Gestaltung wird von ihm dann oft gar nicht erst  berücksichtigt
(Die Steigerung ist ja dann auch die Reaktion: „Tolles Foto! Mit welcher Kamera wurde das fotografiert?„)

Begründete Kritik

Eine reine Mitteilung: „Gefällt mir (nicht)!“ zu einem Foto bringt den Fotografen bei der Suche nach der Wirkung seiner Bilder nicht wirklich weiter. Die Frage lautet ja eigentlich: „Warum gefällt das Bild nicht?“

Zur Gestaltung gibt es durchaus begründbare Analysen menschlichen Verhaltens beim Betrachten von Bildern. Ich verweise hier nur exemplarisch auf die irritierende Wirkung von Porträtfotos die mit kurzer Brennweite aus kurzem Abstand aufgenommen worden. (Siehe auch hier in meinem Blog: „Nahaufnahme des Gesichts macht misstrauisch.„)

Im Prinzip beruht der gesamte visuelle Bereich der Werbung auf sehr präzisen Analysen der Wirkung von Bildern auf die Wahrnehmenden, auf die potentielle Kunden. Deshalb wird in diesem Bereich versucht, die Wirkung der Gestaltung recht präzise zu analysieren.

Eine Bildkritik / -analyse, die auf Erkenntnissen über die Wirkungen von Bildern auf den Betrachter basiert, wird sehr hilfreich sein. Man kann darauf die Überlegungen für die zukünftige Gestaltung der eigenen Fotos aufbauen.

Natürlich kann man auch versuchen, ein Bild vor einer solchen Analyse zu bewahren, in dem man darauf hinweist, dass es ja reicht, wenn es dem Fotografen gefällt.

Und solange das Bild nur zu Hause an der Wohnzimmerwand des Fotografen hängen soll, ist das dann sicherlich auch ganz in Ordnung. Wenn der Fotograf dieses Foto aber als Teil eines Kalenders zu Weihnachten verschenken möchte, so könnte es sicher hilfreich für ihn sein sein, wenn er frühzeitig erfährt, wie das Bild auf andere wirken könnte.

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Wenn auf „vernünftige“ Bildkritik hin der Hinweis kommt: „Es reicht doch, wenn es dem Fotografen gefällt!“ ist das also zwar evtl. gut gemeint, jedoch nicht so richtig hilfreich.
Aber es gibt  ja sogar durchaus noch heftigere Reaktionen, mit denen man als Kritiker rechnen muss.

Hab ich so gewollt!

Manchmal findet man als Antwort das trotzige: „Hab ich so gewollt!“ des Fotografen.
Aber was heißt das „so gewollt“ denn eigentlich?
Man will ja schliesslich auch hoffen, daß ein Bild, welches der (womöglich weltweiten) Allgemeinheit präsentiert wird, so gewollt — also mehr oder weniger bewusst gestaltet — war.
Doch mit der Äußerung „Das hab ich so gewollt!“ soll anscheinend nicht nur die Bestätigung einher gehen, daß das Bild bewusst fotografiert wurde.
In vielen Fällen scheint man damit zusätzlich eine Art Unangreifbarkeit der eigenen Gestaltung suggerieren zu wollen.
Als ob die Auswirkungen eines Missgeschicks dadurch verschwinden würde, dass man es angeblich mit Absicht gemacht hätte. ;-) Dies Erwiderung lässt eher darauf schließen, daß der Fotograf Probleme hat, mit der Kritik umzugehen.

Zeig doch erstmal Deine Bilder

Schon fast dreist erscheint mir der — durchaus nicht seltene — offensive Anspruch an den Kritiker, zuerst einmal selber Bilder zu zeigen.

Zeig mal Deine Bilder.“

Das ist ungefähr so klug, als müsse man, um saure Milch zu erkennen, erst einmal Kuh sein und selber welche geben.
Niemand verlangt von einem Theaterkritiker, daß er Schauspieler und/oder Regisseur ist. Und Literaturkritiker müssen auch keine Geschichten liefern. Falls der Schrank schief aufgebaut ist, kann ich das erkennen, auch wenn ich als Doppellinkshändiger keine Säge bedienen kann.

Auf diese Situation angesprochen, sagen einige der Fotografen, dass sie die Bilder der Kritiker sehen wollen, um beurteilen könnten, ob die Kritik ernst zu nehmen wäre.
Ich würde an der Stelle dann jedoch eher vorschlagen, sich weitere Kritiken derselben Kritiker zu anderen Bildern anzusehen.
Dadurch könnte man evtl. die Befähigung der Kritiker zur Bildkritik beurteilen. An den Bildern der Kritiker wird das eher nicht gelingen.

Berücksichtigen sollte man bei der Betrachtung dieser Art der Kritik der Kritik auch, dass bei positiven Anmerkungen zu Bildern die Forderung an den Kritiker, erst einmal eigene Fotos zu zeigen, eher selten kommt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. ;-)

Oder gar: Zeig doch erstmal, dass Du es besser kannst.

„Beweis doch erstmal, das Du es besser kannst!

An alle die was zu meckern haben. Neidisch? Wahrscheinlich weil es nicht von euch kommt? Macht es erstmal besser.

Diese Reaktion auf Kritik ist ein Verhalten, dass mir bisher eigentlich nur in der (Amateur-)Fotografie begegnet ist. (Und das ich in dem Kreis auch überwiegend — aber nicht nur — nur von Männern kenne.)

Das Verhalten lässt auf verletzten Stolz, auf ein verletztes Selbstwertgefühl schliessen. Man fühlt sich in einem vermeintlichen Wettstreit dem Kritiker unterlegen und will ihm das anscheinend heimzahlen.

(Auch die Forderung „Zeig doch erstmal selber!„, kommt interessanterweise in erster Linie nur dann, wenn der Urheber der Fotografie sich angegriffen fühlt. Auf lobende Worte reagiert man dagegen mit Freude und stellt den Kritiker nicht in Frage.)

Sinnvoll ist diese Frage natürlich genauso wenig, hier gelten im Prinzip die gleichen Argumente wie beim vorhergehenden Abschnitt.

Fazit

Gute Kritik — kein „Runtermachen“ — kann für den Lernprozess (in dem wir uns alle hoffentlich ein ganzes Leben lang befinden) sehr hilfreich sein. Sie eröffnet dem Fotografen einen anderen Blick auf sein Bild.
Er erfährt, wie sein Foto auf die Mitmenschen wirkt. Und wenn er Glück hat, erfährt er auch ein mögliches „Warum?“.

Kritik  ist wichtig, man sollte sie nicht als persönlichen Angriff werten — zumindest wenn es eine echte  Auseinandersetzung über Bilder und ihre Wirkung ist. Vielmehr sollte man sie als Chance begreifen, einen anderen Standpunkt kennenzulernen und den eigenen daran überprüfen zu können.
Das gilt in der weiteren Diskussion dann natürlich auch für den Kritiker, auch er kann in diesen Gesprächen lernen.

Aus der (zivilisierten) Auseinandersetzung über Bilder können wir alle etwas gewinnen.


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