Woran erkennt man Unschärfe durch Verwackeln?

Illustartion zum Thema Verwackeln

Typischer Verwackler, die Verwacklungslinien laufen quasi parallel zur Bewegungsrichtung des Auslösefingers. Es war schon etwas dämmrig und die Belcihtungszeit  war zu lang

Unscharf ist doof!
Zumindest in den meisten Fällen sind unscharfe Fotos unerwünscht und man will sie vermeiden. Aber gerade für einen Fotoanfänger ist es aber oft schwierig, den tatsächlichen Grund für eine Unschärfe zu erkennen.
Online findet man viele hilfsbereite Leute, die aber bei der Suche nach dem Grund für unscharfe Fotos oft mehr oder weniger ziellos raten.
Das bringt Dich dann auch nicht richtig weiter, sondern verwirrt nur zusätzlich. Deshalb will ich Dir hier und in den komenden Beiträgen zeigen, wie Du den Grund für ein unscharfes Foto selber recht gut erkennen kannst.
Beginnen wir mit dem meiner Erfahrung nach häufigsten Grund für Unschärfe, dem Verwackeln.

Ein Foto zu verwackeln, das ist wohl einer der häufigsten Fehler den Fotoeinsteiger machen. Passiert aber durchaus auch erfahren Fotografen das eine oder andere Mal.

Was geschieht beim Verwackeln?

Es ist eigentlich ganz simpel, beim Verwackeln verändert sich der Bildausschnitt (und zwar meist unerwünscht) während der Belichtung.
Das Abbild des Motivs verschiebt sich dadurch auf dem Sensor. Das Licht, das von einem Punkt des Motivs durch das Objektiv fällt, trifft dann nicht nur einen Punkt des Sensors („Pixel“) sondern wandert nach und nach über mehrere „Pixel“.
Und das passiert nicht nur mit diesem einem Punkt, sondern es betrifft alle Punkte, aus den sich das Motiv zusammensetzt.
Dadurch kann kein klares Abbild mehr entstehen, das Bild wird je nach Intensität des Verwackelns mehr oder weniger stark unscharf.

Verwacklung erkennen

Es ist eigentlich relativ einfach zu entscheiden, ob ein Foto verwackelt ist oder ob andere Gründe für die Unschärfe verantwortlich sind.
Ein Verwackler betrifft in der Regel das ganze Bild gleichmässig. Egal wo im Bild, egal wie weit entfernt im Motiv ein Detail ist, alles ist mehr oder weniger gleichmässig unscharf, denn alle Punkte wandern ja im gleichem Masse über die Sensorfläche.

Manchmal kann man im Bild sogar die Bewegungsrichtung der Kamera erkennen, oft von (im Querformat) oben nach unten, der Druckrichtung des Auslesefingers folgend. (Siehe Abbildung oben)
Das führt uns dann auch schon zu den Ursachen des Verwackelns

Verwacklung – Ursachen

Die direkte Ursache  des Verwackelns ist in der Regel eine zu lange Belichtungszeit, in den meisten Fällen wohl durch zu wenig Licht verursacht.

Es gibt eine Daumenregel (pi*Daumen), um die für viele Menschen typische Verwacklungsgrenze zu bestimmen. Dazu berücksichtigt man die Brennweite, denn je nach Brennweite (bzw. Aufnahmebildwinkel) werden Motivdetails unterschiedlich stark vergrößert abgebildet.
Das hat dann auch Einfluss auf die Intensität des Verwackelns, bei langen Brennweiten werden nicht nur Motivdetails größer abgebildet, sondern es wird auch das Verwackeln intensiver auftreten.
Die Daumenregel stammt aus der Zeit des Kleinbildfilms.
Damals hatten die allermeisten Kameras die gleiche Filmgröße, deshalb war eine Regel quasi universell gültig.
Sie lautet:

„Man nehme die aktuell eingestellte Brennweite (kann man am Zooring ablesen) und bilde den Kehrwert. Das ist die längste Belichtungszeit, mit der die meistens Menschen noch nicht so stark verwackeln, dass es sichtbar werden würde.“

Diese sogenannte „Reziprok-Regel“ galt für alle Nutzer des weit verbreitenen Kleinbildformats.

Reziprokregel

„Reziprokregel“, „Kehrwert“, das hört sich jetzt schwer nach Mathe an, da schalten viele  gedanklich schnell ab. In diesem Fall hier ist das aber unbegründet, es ist wirklich simpel: aus 200mm Brennweite wird dann 1/200stel Sek. Belichtungszeit, aus 50mm 1/50stel, aus 1000mm wird 1/1000stel.
So „errechnet“ man ganz einfach die längste Zeit, bei er die meisten Fotografen mit der entsprechenden Brennweite nur so schwach verwackeln, dass es im späteren Bild aus „üblichem Betrachtungsabstand“ (also nicht in der 100% Ansicht) noch nicht sichtbar ist.

Üblicher Betrachtungsabstand

Unter „normaler Betrachtung“ wird in dem Zusammenhang verstanden, dass man, wenn man ein Bild betrachtet, versucht, so nah wie möglich heranzugehen, um das Bild mit seinen Details zu sehen.

Die Nahgrenze ist dann erreicht, wenn das Bild größer wird als der Bereich, den man auf einen Blick erkennen kann. Ginge man noch näher heran (wie zum Beispiel in er 100% Ansciht), würde man zwar mehr Details erkennen können, aber man könnte das Bild nicht mehr als Ganzes überblicken. Sein Aufbau und der Zusammenhang zwischen den verschiedenen Bilddetails ginge dann verloren.

Der passende Abstand ist abhängig von der Bildgröße (in cm) und entspricht in etwa der Bilddiagonalen.
Und so lautet eine der Grundlagen der Formeln zu technischen Fragen wie der Verwacklungsgrenze, Bewegungsdarstellung, aber auch zur Schärfentiefe u.a.) aus Sicht des Gestalters: “Der Betrachter sieht sich ein Bild in der Regel aus einem Abstand an, der in etwa der Bilddiagonale entspricht.”
Dies ist der Abstand, aus dem man das Bild noch überblicken kann und trotzdem möglichst nah am Bild ist.
Bei kleinen Bildern ist man dann näher dran, bei größeren Bildern entsprechend weiter weg. Immer kann man das Bild gerade eben noch als Ganzes überblicken und ist trotzdem möglichst nah am Bild.

Mit der digitalen Fotowelt kam nun eine Komplikation hinzu. Die Sensoren vieler Digitalkameras sind zum Teil deutlich kleiner als das typische Kleinbildnegativ mit 24mm x 36mm.
Die damit entstehenden Aufnahmen zeigen dann nur einen Ausschnitt aus dem Bild, das der größere Sensor sehen würde.
Und dieses kleinere Bild muss, damit es auch Din A4 oder Monitorgroß oder … wiedergegeben wird, stärker vergrößert werden. Dadurch würden auch die Verwackler wieder stärker sichtbar, das Bild würde trotz Verwendung der Reziprokregel verwackelt wirken.

Zusätzliche Vergrößerung berücksichtigen

Um das zu vermeiden, muss man die Belichtungszeit mit dem Vergrößerungsmaßstab multiplizieren. Meist ist der Faktor 1,5, bei Canon auch 1,6. MicroFourThirds-Kameras von Olympus und Panasonic setzen den Faktor zwei voraus.
Aus 100mm Brennweite errechnen sich so an Vollformat 1/100stel, an den meisten DSLRs und vielen Systemkameras 1/150stel. Wer es ganz genau nimmt, kommt bei Canon in den meisten Fällen auf 1/160stel und bei Olympus und Panasonic schliesslich ist es 1/200stel. (Jeweils von 100mm Brennweite ausgehend.)

Eine sehr starke Kamerabewegung kann aber auch bei eigentlich ausreichend kurzer Belichtungszeit zu Verwacklung führen. Das kann schon durch zu abruptes Auslösen hervorgerufen werden. Manche Fotografen lassen den Finger über dem Auslöser „schweben“ und drücken dann impulsartig durch. Auf die Art hat man schnell verwackelt.
Und wenn die Kamera selber während des Auslösens bewegt wird, zum Beispiel im fahrenden Auto, besteht ebenfalls erhöhte Verwacklungsgefahr.

Verwacklung stoppen

Es gibt in erster Linie zwei  Wege zum Ziel, entweder stabilisiert man das Bild auf dem Sensor oder man verkürzt die Belichtungszeit

Zum Stabilisieren kann man

  • Stative verwenden (aus eigener Erfahrung: Vorsicht auf schwach schwingenden Brücken oder im losen Sand oder auf Booten oder in Altbauten an stark befahrenen Straßen)
  • improvisiertes Stativ („Beanbag“)
  • Bildstabilisator einsetzen (sofern vorhanden)
  • Kamerahaltung beachten und sanftes Auslösen (Finger auf den Auslöser legen und vorsichtig Druckpunkt nehmen. Beim Ausatmen ruhig durchdrücken.)

Kürzere Belichtungszeit kann man durch folgende Schritte erreichen

  • mehr Licht
  • Blende auf
  • ISO erhöhen (lieber verrauscht als verwackelt)

Dadurch hast Du dann die Möglichkeit, manuell oder mit der Zeitvorwahlautomatik (TV oder T oder S) eine kürzere Belichtungszeit verwenden.
Probier es aus.
(Bei Zeitvorwahl bitte vorsichtig sein, wenn die Blendenanzeige rot wird oder blinkt. In dem Fall kann die Kamera evtl. die Blende nicht mehr weit genug öffnen und das Bild kann dadurch zu dunkel werden. Abhilfe: lichtstärkeres Objektiv und/oder mehr Empfindlichkeit und/oder mehr Licht.)

Tricks

Illustrtaion Blitzgeräte mit Neig-und schwenkbaren Reflektoren

Wenn Du Deine Kamera nicht in den manuellen Modus der zumindest in die Zeitvorwahl (S oder T oder TV) schalten möchtest, wird es schwieriger, etwas gegen das Verwackeln zu tun.
Wenn Deine Kamera Szenenprogramme hat , dann schalte von Vollautomatik auf das Sportprogramm. Dann versucht die Kamera, durch kurze Belichtungszeit eine Bewegung im Motiv einzufrieren. Und diese kurze Belichtungszeit hilft Dir jetzt auch bei statischen Motiven, sie friert quasi die Kamerabewegung ein.

Außerdem gibt es „Tricks“ wie  die Verwendung einer kürzeren Brennweite, denn damit verwackelt man nicht so schnell (ergibt sich aus der Reziprokregel).
Du kannst auch den Serienmodus (Dauerfeuer) einschalten und mit einer Auslösung mehrere Bilder schnell hintereinander aufnehmen. Mit etwas Glück wird ein Bild der Reihe, vermutlich aus dem mittleren Bereich, schärfer sein als die anderen.

Oder setze einen Blitz ein.
Er kann, egal ob eingebaut oder als klassischer Aufsteckblitz, je nach Einstellung extrem kurz aufleuchten und so auch schnelle Kamerabewegungen und eben das Verwackeln einfrieren.

[fotoschule]

Kreatives Verwackeln.

Man kann das Verwackeln auch sehr bewusst zur kreativen Gestaltung einsetzen, indem man die Kamera gezielt während der Belichtung bewegt. Google mal nach „gestischer Fotografie“.

Drehung und Schwenkung

Das Schwenken der Kamera wird wird oft genutzt, um malerische Effekt zu erzeugen und komplexe Szenen mit vielen Details zu vereinfachen. gerade im Bereich Landschaft kann das sehr schöne stimmungsvolle Wirkung haben. Die Ergebnisse sind aber keine detailreichen Fotos mehr, sondern nur noch auf in Bewegungsrichtung verlaufende Linien und Farbflächen reduziert.
Mit der Drehung der Kamera um die Aufnahmeachse kann man gerade bei bei Nachtaufnamen mit leuchtende Objekten stimmungsvolle Wirkung.

Mitzieher

Kein Verwackeln, sondern ein "Mitzieher" mit 1/15tel Sekunde Belichtungszeit

1/15 Sekunde Belichtungszeit, Kamera „mitgezogen“

Natürlich fallen unter das „kreativ“ eingesetzte Verwackeln irgendwie auch die bewussten Kamerabewegungen beim „Mitziehen“. Man versucht dabei, die Kamera synchron zu einem bewegten Motiv zu bewegen. Die Bewegungswischer verwischen dann nicht das Objekt, sondern den Hintergrund.
Das geht am besten in Dauerfeuer (Serienbildeinstellung der Kamera).
Die benötigte Belichtungszeit kann ganz unterschiedlich lang sein. Für Formel 1 Fahrzeuge in mittlerer Entfernung können Zeiten von 1/250stel bereits lang genug sein. Ein gemütlicher Radfahrer dagegen wird eher 1/15tel benötigen.

Das Verwackeln kann also, wie viele andere „Fehler“ in der Fotografie, bewusst kreativ eingesetzt werden. Wenn es aber einfach so passiert, ist es zumeist unerwünscht.
Ich hoffe, dass meine Hinweise Dir helfen, diese Fehler zu vermeiden.


An der Stelle darf ich vielleicht noch ein bisschen Eigenwerbung machen:
Themen wie Belichtung, Automatiken und Belichtungskorektur,  aber auch Bildgestaltung und Bildbearbeitung sind ein wichtiger Teil meiner Fotokurse zu den Grundlagen der Fotografie, die ich an der Fotoschule-Ruhr.de anbiete.


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/ 05. Sep 2017

Ein Gedanke zu „Woran erkennt man Unschärfe durch Verwackeln?

  1. Volker

    Meiner Erfahrung nach machen Anfänger oft den Fehler, der Bewegung des Auslösefingers mit der gesamten Kamera nachzugeben, sie also synchron zum Auslösen etwas nach unten zu kippen – oder umgekehrt mit dem Gegendruck übertreiben und sie dadurch nach oben bewegen.

    Dagegen hilft vor allem, sich die Kamerahaltung anzugewöhnen, bei der das Gewicht der Kamera auf der linken Hand ruht (die Einstellringe des Objektivs lassen sich dann gut mit Daumen und Zeige-/Mittelfinger von unten drehen) und die rechte Hand sie nur locker umfasst.

    Und vor allem Disziplin: Wenn du auslöst, stehst du da wie ein Standbild – das einzige, was sich bewegt, ist der Auslösefinger.

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