Wie funktioniert das mit dem Blitzen? (Teil 2)

Kamera mit „Fremdblitz“

Du bist mit Deinen geblitzten Fotos unzufrieden? Kein Wunder.
Die häßlichen, harten und oft fast schwarzen Schatten, die das an der Kamera befestigte Blitzgerät oder der eingebaute Blitz der Kamera erzeugen, können einem den Spaß am Blitzen schon ganz gut vermiesen.

Und Du wärst nicht der erste, der den Blitz dann in der Folge in die hinterste Ecke der Fotoschublade verbannt. Da wartet er dann darauf, dass die darin vergessenen Akkus auslaufen und er später mal weggeschmissen wird.
Aber dass muss nicht sein!

Wenn man weiß, was gegen diese unschönen Schatten zu tun ist, verlieren sie ihren Schrecken. Blitzen kann dann sogar Spaß machen. (Das hat mich damals auch einige Zeit gekostet, bis ich den Blitz durchschaut hatte, aber danach habe ich ihn häufig und gerne eingesetzt.)

Da es regelmässig Fragen zum Blitzen und speziell auch zu diesen hässlichen Schlagschatten gibt, will ich hier im zweiten Teil meiner kleinen Sammlung von Tipps zum Umgang mit dem Blitzgerät darauf eingehen und Lösungsmöglichkeiten anbieten. Hier geht es übrigens zum ersten Teil der Blitztipps.

Der Blitz macht häßliche Schatten

Beginnen wir mit der Art der Schatten. Der Blitz ist eine sehr kleine und punktförmige Lichtquelle, ganz ähnlich wie die Sonne (die ist zwar eigentlich riesengroß, aber sehr weit weg und deshalb auf der Erde punktförmig klein) oder ein Scheinwerfer.
Die Schatten, die mit diesen Lichtquellen entstehen, sind sehr scharf konturiert und je nach Situation auch sehr dunkel. (Und damit ideal, um z.B. mit den Händen Schattenfiguren zu malen).

Der Kompaktblitz (und natürlich auch der in die Kamera eingebaute Blitz) ist auch so eine kleine punktförmige Lichtquelle und die in diesem Licht entstehenden Schatten sind deshalb ebenfalls sehr scharfkantig.
Außerdem sind sie meist sehr nah unter oder neben dem Motiv, (je nachdem ob die Kamera im Hoch- oder Querformat gehalten wird) . Manchmal ist der Schatten sogar nur als häßliche schwarze Linie entlang der Kanten und Formen zu erkennen.

Der Blitz ist zwar rotz der Schatten immer noch gut geeignet, um zum Beispiel einen Versicherungsschaden zu dokumentieren, denn auch alles im Dunkeln ist gut zu erkennen.
Aber „schön“ werden solche totgeblitzten Bilder in der Regel nicht.
Doch es gibt Hilfe, Du kannst etwas gegen diese harten Schatten unternehmen. Zwei erfolgversprechende Wege zur Lösung werde ich jetzt aufzeigen.

1) Blitzgerät weg von der Aufnahmeachse

Illustration zum indirekten Blitzen

Oben direkt geblitzt, deshalb harter Schatten. Unten indirekt über Raumdecke geblitzt, Schatten ist nach unten außerhalb des Bildeausschnittes gewandert

Beginnen wir mit der etwas aufwendigeren Lösung. Der Blitz ist meist so an der Kamera befestigt, das sein Licht fast parallel zu der Achse verläuft, die vom Objektiv zum Motiv zeigt.
Wenn Du nun den Blitz nicht fest an der Kamera montierst, sondern ein Kabel oder einen „Funk“-auslöser (manche Kameras haben so etwas eingebaut)  verwendest , kannst Du das Blitzlicht von der Aufnahmeachse entfernen.  („Entfesseltes“ Blitzen)
Das Blitzgerät kannst Du dann entweder in Deiner linken Hand halten (ist manchmal etwas tricky, aber machbar), mit einem speziellen Haltearm etwas weiter weg an der Kamera befestigen, mit dem zum Blitz mitgelieferten Fuß auf einen Schrank stellen oder an einem richtigen Lampenstativ (gibt es auch schon recht preiswert) einsetzen.
Und natürlich lässt sich ein größerer Abstand zwischen Aufnahmeachse und Blitz auch mit einem VALS  erzeugen (ein „Voice Activated Light Stand“ – also ein Freud, der den Blitz für Dich hält und ausrichtet.)
Das ist aber alles mehr oder weniger aufwendig. Zum Glück hast Du in vielen typischen Bitzlichtsituationen eine viel einfachere Möglichkeit, die Lichtrichtung zu ändern.

 Indirektes Blitzen

Illustrtaion Blitzgeräte mit Neig-und schwenkbaren Reflektoren

Neig-und schwenkbare Reflektoren

Viele Kompaktblitzgeräte haben dreh- und neigbare Reflektoren. Falls Du einen Blitz kaufen(*) möchtest, dann achte darauf, dass er einen solchen dreh- und neigbare Reflektor hat, damit Du auch im Hochformat den Blitz zur Decke drehen kannst.

Wenn Du in einem typischen Wohnraum mit weißen Decken  (und / oder Wänden) bist, kannst Du den Blitz damit einfach nach oben (und / oder zur Seite) richten.

Das Licht kommt dann nicht mehr direkt aus Richtung der Kamera, so dass die Schattenkante nicht mehr direkt neben oder unter das Motiv fällt. Mit etwas Glück ist sie sogar vom Hauptobjekt verdeckt.

2) Große Leuchtfläche für weiche Schatten

Das indirekte Blitzen hilft auch zusätzlich noch gegen ein weiteres Problem beim Blitzen, die scharfe Kontur der Schatten.
Diese hässliche Schattenkante wird weicher, wenn (im Verhältnis zum Abstand zwischen Lichtquelle und Motiv) die Leuchtfläche größer wird.

Der Blitz hat eigentlich nur eine relativ kleine Leuchtfläche, aus ihr resultiert der harte Schatten. Durch das indirekte Blitzen entsteht jetzt ein großer, hell beleuchteter Fleck an der Decke, der quasi die neue Lichtquelle wird. Durch diese geänderte, große Leuchtfläche werden die Schatten viel weicher.
Als Alternative kannst Du natürlich auch besondere Lichtformer wie Softboxen und ähnliches vor bzw. mit dem Blitz einsetzen oder (selbgebaute oder gekaufte) Reflektoren verwenden.
Wichtig ist, dass die Leuchtfläche größer wird, dadurch wird der Schatten weicher. Und je größer der Abstand zwischen Leuchtfläche und Motiv wird, desto größer muss sie werden.

Ein Bonus durch das indirekte Blitzen

Indirektes Blitzen hat noch einen weiteren Vorteil. Im ersten Teil zum Thema Blitzen bin ich ja vor allem auf die Probleme eingegangen, die durch unterschiedliche Entfernungen zwischen dem Blitz und den verschiedenen Motivdetails in einem Bild auftreten können.
Auch diesen unschönen Helligkeitsabfall in die räumliche Tiefe des Motivs, der für die „überstrahlten Geister“ im Vordergrund  und die im Schwarz versaufenden „Schornsteinfeger“ im Bildhintergrund sorgt, kannst Du mit dem indirekten Blitzen entschärfen.

Wenn Du zum Beispiel längs einer Hochzeitstafel fotografierst, dann sind die vier Personen, die da (aus Deiner Position gesehen) hintereinander sitzen, angenommene 1m, 2m, 3m und 4m von Dir entfernt.
Wenn Du jetzt den Blitz so einstellst, dass die nächste Person richtig belichtetet wird, werden die weiter entfernt sitzenden dramatisch dunkler. In 2m Entfernung kommt nur noch ein Viertel, in 3m Entfernung ein neuntel und in 4m nur noch ein sechzehntel des Lichtes an (der Helligkeitsabfall ist im Quadrat der Entfernung).

Nun nimmst Du aber den Blitz und richtest ihn gegen die Decke. Der Abstand von diesem hellen  Flecken an der Decke , der jetzt die wirksame Lichtquelle ist, beträgt dann (bei einer angenommen 3m hohen Decke) zur am nächsten sitzenden Person ca. 2m und zur am weitesten entfernten etwa 4m (Satz des Pythagoras ergibt 4,24m). Dorthin ist der Abstand jetzt also nur noch doppelt so groß wie zur vorderen Person.
Vorher kam nur 1/16tel des Lichtes des Vordergrunds dort hinten an, nun ist es ein 1/4tel. Die Beleuchtungsintensität im Hintergrund wurde also im Verhältnis vervierfacht. Das sind zwei volle Blendenstufen mehr Licht, die den Hintergrund jetzt erreichen.
Die „Schornsteinfeger“ sind zwar immer noch etwas dunkler, aber der Unterschied ist viel geringer, der Helligkeitsabfall wurde dramatisch entschärft.

Das indirekte Blitzen ist für viele Probleme eine erste schnelle und sehr effektive Lösung. Gestalterisch nicht immer perfekt, aber fast immer deutlich besser als das übliche direkte Blitzen.

Nachteile

Es gibt aber auch Nachteile, die ich nicht verschweigen will.

  • Das Licht kann durch die Gleichmäßigkeit langweilig werden. Und wenn es von oben kommt, ist diese Beleuchtung nicht immer optimal für die Gesichter.
    Illustration Blitzgerät mit einem Minireflektor für lebendige Augen

    Minireflektor („bounce card“) für lebendige Augen

    Die Augen der Personen im Vordergrund werden durch das dort überwiegend fast senkrecht von oben kommende Licht in den Augenhöhlen im Schatten liegen.
    Manchmal sehen sie denn etwas sehr dunkel aus und durch den fehlenden Lichtreflex wirken sie auch ein wenig glanzlos.
    Viele Blitze haben als Gegenmittel kleine helle beschichtete Scheiben als kleine Reflektoren eingebaut, die helfen, dieses Problem zu lösen.
    Diese Minireflektoren werfen einen kleinen Teil des Blitzlichtes nach vorne, so dass im Auge ein kleiner Reflex entsteht, der dem Auge „Leben“ verleiht.

  • Indirektes Blitzen ist eigentlich nur für Innenräume mit nicht allzu hohen Decken geeignet. In typischen Messehallen, Kirchenschiffen und erst recht unter freiem Himmel funktioniert das nicht!
    Ich sehe zwar häufig auch in solchen Situationen Fotografen (durchaus auch „Profis“) mit indirekt eingestelltem aktivem Blitz fotografieren. Vermutlich liegt das an nicht richtig durchdachtem Halbwissen um das Blitzen. Oder schlicht an Vergesslichkeit.
    Man muss indirekt blitzen, damit es was wird!“ ist als pauschale Aussage leider genauso falsch wie der Irrglaube an die Allheilkraft der „Synchronisation auf den zweiten Verschlußvorhang“, der auf vielen Seiten im Internet und in diversen Fotobüchern seinen Ursprung hat. (siehe auch „Synchronisation auf den zweiten Verschlußvorhang – ein Mythos?„).
    Es gibt Situationen in denen das indirekte Blitzen nicht funktioniert!
  • Indirektes Blitzen benötigt deutlich mehr Blitzleistung. Ein schwacher Blitz wird damit schnell mal an seiner Leistungsgrenze betrieben und muss dann häufiger zeitraubend nachladen. Auch aus diesem Grund empfehle ich, den Blitz in Bezug auf die Leistung eine Nummer zu groß zu kaufen. Und mehrere Sätze guter Akkus(*).

Aber auch wenn es einige Nachteile beim indirekten Blitzen gibt, es ist gerade für Einsteiger eine der einfachsten, effektivsten und schnellsten Methoden, trotz Kompaktblitz zu guten Fotos zu kommen.

Ausprobieren!

Probier die hier genannten Vorgehensweisen in Ruhe aus, Blitzen lernt man in erster Linie durchs Machen. Die Veränderung der Schatten kannst Du auch mit einer starken Taschenlampe oder einer kleinen Videoleuchte ausprobieren, dann kannst Du das Ergebnis sehen, ohne ein Foto machen zu müssen.
Nimm zum üben niemanden, den Du gut leiden kannst. ;-)  Es ist für die Person eine Quälerei, als Blitzopfer herhalten zu müssen.
Du kannst genausogut auch mit Eimern und Kartons auf einem Tisch üben. Oder befestige ein Besenstiel senkrecht mit Bindfaden an einem Stuhl und stülpe einen Eimer drüber. Die Konstruktion ist viel geduldiger, wenn Du sie anblitzt.
Vielleicht kannst Du dir ja sogar irgendwo eine Schaufesterpuppe oder einen Perückenkopf zum üben ausleihen. Sowas benutze ich unter anderem für meine Blitzlichtkurse

Aber übe! Anders wirst Du blitzen nicht lernen.
Viel Spaß dabei.

Etwas Eigenwerbung: Du kannst die Grundlagen zum Blitzen gerne im Fotolehrgang im Kapitel „Blitz“ nachlesen.
Oder Du kommst zu meinen Abendkurs zum Thema „Kompaktblitz“. Da geht es während der ersten Stunde um die Grundlagen beim Blitzen und danach werden wir (besser: Du, ich helfe dabei nur) die verschiedenen Einstellungen und Möglichkeiten ausprobieren.
Der nächste ist am 19. Oktober 2017.
Infos / Anmeldung unter http://www.fotoschule-ruhr.de/kompaktblitz.php .

Hier geht es zum ersten Teil der Blitztipps.

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Und wenn Du meinst, ich hätte das nicht verdient, dann lässt Du es eben. ;-)

 

/ 23. Okt 2017

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