Warum wird so oft ein 50mm-Objektiv empfohlen?

Lesezeit: ca. 7 Minuten
Illustrtaion zu: 50mm 1.8 von Canon. der Joghurtbecher

Ein Klassiker, das “50 1.8” von Canon

Egal wo man sich umsieht, eine klassische Antwort auf die Frage “Welches Objektiv soll ich mir als nächstes kaufen?” lautet: “50mm / F1.8“.
Es ist schon komisch, selbst jemand, der wie ich statt “Kaufen!” immer eher “Lernen!” empfiehlt, kann sich dem Charme eines preiswerten 50igers nicht entziehen. ;-)

Aber woran liegt das? Was ist das Besondere an diesen profanen 50mm Brennweite?
Dieser Frage möchte ich jetzt im Folgenden mal etwas genauer nachgehen. Und freue mich, wenn Du mir dabei folgst.

Damals

Mit dem Aufkommen der Kleinbildkameras begann der Siegeszug des 50ers. Diese Brennweite wurde an Kameras mit Kleinbildfilm und einer Negativgröße  von 24mm*36mm zum Standardobjetkiv.

Andere Kleinbildformate

Die digitale Fortsetzung des Halbformats, eine mFT Kamera (micro-Four-Thirds), die Pen F, meine derzeitige Lieblingskamera(*)

Es gab auch Kameras, die den Kleinbildfilm verwendeten, aber nur ein halb so großes Negativ (24mm*18mm) belichteten, die sogenannten Halbformatkameras. Dadurch passten 72 Bilder (statt 36) auf den typischen Kleinbildfilm.
Für das Halbformat wurden meist verschiedene Brennweiten als “Normalobjektiv” verwendet. Eine Art digitale Weiterentwicklung des Halbformats ist das von mir gerne verwendete mFT (Micro-Four-Thirds) System.

Auch einige Panoramakameras verwendeten den Kleinbildfilm, belichteten aber deutlich breitere Negative. Die Höhe der Bilder betrug weiterhin 24mm, aber die Breite wuchs. Bei Fuji/Hasselblad z.B. auf 65mm, also fast doppelt so breit wie das klassische Kleinbildformat.
Und es ging noch einiges mehr …
Auch diese Kameras hatten wie die Halbformate andere Normalbrennweiten als das “135er” Format der typischen Kleinbildkameras. 

Im folgenden gehe ich bei Kleinbild aber vom klassischen 24*36er Format aus.

Die klassischen (“analogen”, also auf Film belichtenden) Kleinbildkameras, speziell die entsprechenden Spiegelreflex- und Meßsucherkameras wurden oft zusammen mit einem solchen 50er als Standardbrennweite (“Normalobjektiv”) verkauft.
Das diese Objektive damals so beliebt waren hatte mehrere Gründe.

Warum (damals)

Es gibt viele Geschichten, die erzählt werden, wenn es um die Gründe für den Siegeszug des 50ers an Kleinbildkameras geht.
Der Klassiker darunter ist die angebliche Übereinstimmung mit dem menschlichen Blickfeld. Doch das ist Blödsinn!
Der Bereich, den wir visuell wahrzunehmen glauben ist viel, viel größer (fast 180° vertikal) als der Bereich, den das 50iger auf einem klassischen Kleinbildfilm wiedergeben kann (ca. 45°). Es muss also ein anderer Grund sein.

Vermutlich liegt der Erfolg des 50ers daran, dass wir mit ihm an einer Kleinbildkamera ein Größenverhältnis von nahen zu fernen Objekten erhalten, das unserer alltäglichen visuellen Erfahrung ähnelt.
Natürlich ist dieses Größenverhältnis vom Aufnahmeabstand abhängig, aber mit dem 50iger an Kleinbild scheint man in vielen Situationen diesen “richtigen” oder vertrauten Abstand für einzuhalten.
Durch diese gleichen Größenverhältnisse wirkt das 50iger sehr unaufgeregt und eben “normal”.

Andere Brennweite — andere Größenverhältnisse

Mit einer kürzeren Brennweite, einem Weitwinkel, muss man dagegen näher an den Vordergrund, um ihn gleich groß wie mit dem Normalobjektiv abzubilden. Dadurch wird der Vordergrund deutlich größer als der Hintergrund abgebildet.
Manche Menschen empfinden das als übertrieben, manchmal sogar als eine Art “visuelles Schreien”.

Mit dem Tele ist es dagegen genau anders herum. Wir müssen weiter weg, dadurch wirkt der Hintergrund im Verhältnis zum Vordergrund größer. Der Raum erscheint verdichtet, das Bild wirkt ruhiger und aufgeräumter. Man kann (muss) aus größerer Distanz fotografieren, die Wahrscheinlichkeit, das störende Elemente ins Bild kommen, ist kleiner.
Die langen Brennweite werden gerne von Einsteigern eingesetzt. Aber es gibt auch wirklich großartige Fotografen, die Teleobjektive eingesetzt haben. Ein Beispiel ist Andreas Feininger, der zum Teil extrem lange Brennweiten verwendete.

Das Tele findet natürlich auch in der heutzutage anscheinend vom Weitwinkel beherrschten Landschaftsfotografie Anwendung.
Bei Motiven wie Sport oder wilden Tiere ist manchmal gar nicht die gestalterische Wirkung der langen Brennweite von Bedeutung bei der Entscheidung. Der Fotograf hat wegen der großen Abstände (anscheinend) gar keine andere Wahl.

Weitwinkel und Tierfotografie?

Gerade in der Tierfotografie sind Tele sehr beliebt. Sei es wegen der Fluchtdistanz der Tiere – oder der des Fotografen bei großen Raubtieren.
Dieser große Abstand führt aber zu Bildern, die nicht nur oft eine große Distanz vermitteln, sondern auch die Wiedergabe der Körperproportionen der Tiere beeinflussen.

Diese Art der Darstellung kann, weil sie häufig eingesetzt wird, langweilig werden. Aber Alternativen  sind schwer. Um die Nähe des Weitwinkels zu zeigen, ist einiges an Aufwand nötig, das kann man gerade auch an der Tierfotografie, speziel bei Vögeln ganz gut sehen

Aus normaler menschlicher Höhe wird der fliegende Vogel fast immer eher ein Schattenriss vorm hellen Himmel sein und man wird in erster Linie das unattraktivere Gefieder der Vogelunterseite sehen.
Wenn dann alternativ der über dem Tal kreisende Adler vom Berg herab fotografiert wird, hat man das im Sonnenlicht glänzende Gefieder im Bild.
Aber man ist weit entfernt und benötigt einen sehr kleinen Bildwinkel (langes Teleobjektiv). Dadurch wird der Vogel vor einem kleinen Ausschnitt des Hintergrundes gezeigt, das Gefühl des Fliegens und der Nähe will sich so nicht so recht einstellen.
Der über dem Tal kreisende Adler erinnert auf dem Foto im schlimmsten Fall an einen leblosen Schmetterling, der mit einer Stecknadel auf eine Pappe gespießt wurde, um im Naturkundemuseum präsentiert zu werden.

Das es anders geht, sieht man u.a. bei den Aufnahmen in dem Dokumentarfilm ” Die fantastische Reise der Vögel” (Link unten).
In der unter gleichem Titel erschienen Fernsehserie wird in der letzten Folge gezeigt, wieviel Aufwand und Vorbereitung dafür nötig war.
Die Fotografen haben die Tiere (ganz wie Konrad Lorenz) nach dem Schlüpfen auf sich geprägt. 
Dadurch war es möglich, die Tiere im Flug mit einem motorisierten Drachenflieger als Teil des Schwarms zu begleiten und aus kürzester Distanz zu fotografieren bzw. zu filmen.
So ist das Tier groß im Bildvordergrund und trotzdem sieht man darunter die Welt bis zum Horizont. Das ergibt ein Gefühl des Fliegens und erzeugt eine Nähe, wie es aus großer Distanz mit dem Tele so nicht möglich wäre. 

Hier geht es zu dem Film bei Youtube

Normal

Das Normalobjektiv (und das war zur Ära des die Fotoszene beherrschenden Kleinbildfilms eben fast immer das 50iger) gibt die Größenverhältnisse für den menschlichen Betrachter eines Bildes häufig neutral wieder. 

Dabei spielt der Abstand des Betrachters zum Bild eine große Rolle. Es gibt da eine Art “übliche” Distanz, die Betrachter einzunehmen scheinen. So nah wie möglich, um auch kleine Details zu sehen. Aber trotzdem so weit entfernt, daß er das Bild als ganzes ansehen kann. 
Der sich dadurch ergebende Abstand ist natürlich abhängig von der Bildgröße. (Mehr dazu unter “Ausstellung und Auflösung“.)

Aus diesem Abstand betrachtet wirken die Größenverhältnisse in Bildern, die mit der Normalbrennweite aufgenommen wurden “neutral”. (Die gleiche Wirkung könnte man auch mit kürzeren Brennweiten erreichen, der Betrachter müsste aber näher an das Bild. Und für lange Brennweiten müsset er es sich aus größerer Entfernung ansehen.)

Das 50er “passte” damals an den weit verbreiteten Kleinbildkameras also.

Preiswert

Weil es anscheinend passte, wurde es sehr oft verwendet. Als Normalobjektiv war es das “Kitobjektiv” dieser Zeit und gehörte beim Kamerakauf quasi dazu.
Es wurde so sehr oft gekauft und durch die großen Stückzahlen wurde der Aufwand je Objektiv geringer und der Preis konnte sinken. Das 50er ist heutzutage oft ein Schnäppchen(*).

Es konnte auch mit überschaubarem Aufwand große Lichtstärke aufweisen. Und so begann zwischen den Herstellern einer Art Wettlauf um das lichtstärkste 50er.
Das führte dazu , dass zu einer Zeit, als Blende 4 oder knapp darunter für Weitwinkel und Teleobjektive als größtmögliche Öffnungen üblich waren, das Normalobjektiv mit Blende 1.8 angeboten wurde.

Unterschiedliche Sensorgrößen

Und das ist der Stand bis heute, es gibt (zumindest bei den beiden großen DSLR-Herstellern) am 50iger im Verhältnis sehr viel Lichtstärke für relativ wenig Geld.
Und für die Nutzer spiegelloser Systemkameras (DSLM -> Digital Single Lens Mirrorless) gibt es einen großen Markt alter 50er (“Altglas”), die man mit entsprechenden Adaptern verwenden kann. [Dann aber fast immer ohne Autofokus und (elektronische) Blendenübertragung.]

Heutzutage werden die meisten DSLMs und DSLRs mit Sensoren verkauft, die etwas kleiner sind als der Kleinbildfilm (“APSC”-Sensoren).
Diese Sensoren erfassen von dem Bildkreis eines 50ers (siehe auch hier) nur einen kleineren Ausschnitt.

Das digitale “Vollformat” ist  mit ca. 24mm*36mm so groß ist wie der früherer Kleinbildfilm. Um damit den gleichen Ausschnitt  zu erreichen, müsste man dann eine längere Brennweite einsetzen. Ein 85er kommt dem nahe.
Beide Objektive sind an den jeweiligen Sensoren  — das 85er an Kleinbild, das 50er an APSC —leichte Tele mit einem erfassten Bildwinkel von etwa 25°.

Man nennt Objektive, die diesen Bildwinkel wiedergeben auch gelegentlich “Portraitobjektive”. Bei dieser Namensgebung spielt erneut der Abstand des Motivs zum Objektiv eine Rolle.

Warum Portraitobjektiv?

Das menschliche Gesicht weißt eine räumliche Tiefe auf. Von vorne fotografiert ist die Nase nah und die Ohren sind fern.
Je nach Aufnahmeabstand verändert sich, wie bei allen dreidimensionalen Motiven, die plastische Wirkung. Aus kurzer Distanz wirkt die Nase (Vordergrund) groß und die Ohren (Hintergrund) klein, das Gesicht sieht aus, als würde es in die Länge gezogen.
Aus sehr großem Abstand passiert das Gegenteil, die Ohren wirken im Verhältnis zur Nase groß, das  Gesicht erscheint verkürzt und flacher.

Es gibt aber einen Abstand, aus dem uns die Proportionen im Gesicht “normal”, also vertraut erscheinen. Das ist der “übliche” Gesprächsabstand, von ca. 80cm bis etwa zwei Meter.

Wenn man nun ein Portrait (den Kopf und ein wenig Oberkörper) aus diesem Abstand fotografieren möchte, eignet sich für diesen Ausschnitt ein Bildwinkel von etwa 25°. Und an den  typischen DSLRs und DSLMs mit APS-C Sensor ist das ungefähr der Bildwinkel, den dort ein 50er erzeugt. Oder ein 80er an Vollformat oder ein 40er an mFT.
(Wenn Dir der Zusammenhang nicht klar ist, lies bitte in meinem kostenlosen Fotolehrgang im Internet die entsprechende Seite zum Thema Brennweite und Cropfaktor.)

Illustration zu Brennweite, Aufnahmeabstand und Portrait

Brennweite, Aufnahmeabstand und Portrait

Ein starkes Weitwinkel von 75° Bildwinkel (24mm a Vollformat, 16mm an APSC und 12mm an mft) macht es nötig, nah heranzugehen. Da wird auch das hübscheste Gesicht ein wenig deformiert wirken, wie man hier sehen kann. ;-)

Mit 24° Bildwinkel — entsprechend ca.80 mm an Vollformat, ca. 50mm an APSC und ca. an mFT — ist ein größerer Abstand möglich, der die Proportionen im Gesicht vertrauter erscheinen lässt. Denn das ist der typische Gesprächsabstand, aus dem wir uns Gesichter in der Regel am intensivsten ansehen.


An der Stelle darf ich vielleicht noch ein bisschen Eigenwerbung machen: Das für die Bildgestaltung enstcheidende Zusammenspiel von passender Brennweit und richtigem Aufnahmeabstand, aber auch andere wichtige Themen wie Belichtung, Bildgestaltung und Bildbearbeitung sind ein wichtiger Teil meiner Fotokurse zu den Grundlagen der Fotografie, die ich an der Fotoschule-Ruhr.de anbiete.

Beschränkung

Manchmal hat man im Laufe der Zeit einen kreativen “Hänger”, man kommt fotografisch einfach nicht weiter. (siehe auch hier):
Da gibt es dann oft den (sinnvollen) Rat, die eigene Komfortzone zu verlassen und mit Beschränkungen die eigene Kreativität wieder zu fordern.
Eine gute Möglichkeit dazu ist der Verzicht auf das Zommen. Geh doch für einige Zeit einfach mal nur mit einer Festbrennweite (wie dem 50er) los und genieß die Freiheit der Beschränkung.

Aktuelles

Im Bereich der 50mm Objektive hat sich kurz vor der Photokina 2018 einiges getan. Nikon hat eine neue Linie von Vollformat-Systemkameras angekündigt, die ein neues Bajonett haben wird.
Und zu diesem bei Bajonett gibt es auch ein 50er mit der Lichtstärke 1.8. Das allerdings soll wohl über 500 € kosten. Über einen Adapter lässt sich auch das alte 50mm 1.8 adaptieren.
Stellt sich die Frage ob das neue Objektiv den Aufpreis aufgrund der Bildqualität wirklich wert ist?

Fazit

Preiswert, ausgereift, lichtstark und mit gutem Bildwinkel für Portraits (und Sachaufnahmen und Landschaftsdetails und…) an vielen DSLRs und spiegellosen Systemkameras (mit APS-C Sensor)— da ist es kein Wunder, dass das 50er(*) so oft empfohlen wird.
Ob Neukauf oder gebraucht, ja evtl. sogar als Altglas, das 50er ist eine der wenigen Optionen, wenn Du unbedingt Geld für Fotogeräte ausgeben willst und nicht genau weiß, was Du Dir kaufen könntest. Aus dem Grund empfehle ich es auch öfter in meinen Fotokursen.

Einschränkung

Um das vorhergehende “Loblied” auf das 50er ein wenig einzuschränken:
Investiere lieber in Deine Fähigkeiten als in Deine Ausrüstung! Das Optimierungspotential liegt in der Regel einige Zentimeter hinter dem Sucher und wird meist nicht vorne an die Kamera geschraubt. ;-)

Du kannst diesen Blog teilen und abonnieren!

Dieser Beitrag hat Dir geholfen? Du willst ihn mit anderen teilen?
Prima!
Ich freue mich wirklich sehr, wenn Du meinen Artikel bei Facebook, Twitter, Google+ und Co. teilst. Und vielleicht hilfst Du so ja auch einem anderem, diesen Text zu finden.
Und damit Du keine neuen Beiträge verpasst, kannst Du meinen Blog (natürlich gratis) abonnieren.
Über diesen Link kommst Du zum Aboformular "Auf dem Laufenden bleiben" . (Am Rechner oben rechts, am "mobilen Gerät" weiter unten.) Wenn Du dort Deine Email hinterlässt, erhältst Du jedes Mal eine Nachricht, wenn ich hier etwas Neues veröffentliche.


(*) Dies ist ein sogenannter Affiliate Link. Wenn Du hierüber etwas kaufst, erhalte ich eine paar Prozente, ohne dass Du deshalb mehr bezahlen musst. Klassisches Win-Win also.
Und wenn Du meinst, ich hätte das nicht verdient, dann lässt Du es eben. ;-)

 

/ 12. Nov 2018

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.