Warum soll ich in RAW fotografieren?

RAW-Auswahl

RAW-Auswahl

Diese Frage wird mir (immer noch) recht oft gestellt, heute erst wieder, diesmal auf dem Umweg über meine Tochter. „Papa, hast Du dazu nicht was Kurzes im Internet?“:
Wenn ich recht überlege, habe ich dazu aber nur längere Texte im Internet, deshalb nutze ich das jetzt als Anlass für eine (etwas) gekürzte Fassung.

Es geht gar nicht ohne RAW …

Vermutlich ist die Frage ja schon falsch gestellt.
Man kann eigentlich gar nicht ohne RAW fotografieren, ja, es gibt gar keine Digitalfotografie ohne RAW-Daten!  Die typischen Aufnahmesensoren sind einfach (noch?) nicht in der Lage, Farben zu unterscheiden, pro Bildpunkt erkennen sie immer nur die Helligkeit einer der drei digitalen Grundfarben, Rot, Grün und Blau, die „echte“ Helligkeit und Farbe muss dann daraus erst noch „erraten“ werden.
Das Ergebnis der Belichtung ist deshalb immer erst mal nur ein Mosaik von mehr oder weniger hellen Bildpunkten, die die Helligkeit des Lichtes einer der drei Grundfarben an diesem Punkt repräsentieren. Dieses Mosaik muss dann in der Folge noch zum „richtigen“ Bild interpretiert werden.
(Eigentlich ist das genauso wie früher, das Bild muss erst noch entwickelt werden.)
Die Helligkeit dieser Bildpunkte wird in sehr hoher Differenzierung erkannt, viele Kameras können 4096 Stufen (und mehr) unterscheiden. Diese Helligkeitsinformationen bilden die Rohdaten des Bildes, die der Fototeil der Kamera als primäres Ergebnis der Belichtung erzeugt.

Sie sind die Basis für das Bild (JPEG), das in der Folge dann der „Computerteil“ der Kamera erzeugt. Er nimmt die vielen Helligkeitsinformationen und die relativ wenigen Farbinformationen und erzeugt (besser: interpretiert) daraus die „echten“ Farben und Helligkeiten, die dann anschliessend das fertige Bild ausmachen.

Interpretieren?

Ich verwende an dieser Stelle lieber den Begriff „interpretieren“ um den Unterschied zur klassischen (evtl. auch den Inhalt verfremdenden) Bildbearbeitung deutlich zu machen. Zu diesem Zeitpunkt existiert ja überhaupt noch kein Bild, das man bearbeiten könnte.
Es gibt nur die Zahlenwerte der RAW-Datei, die erst noch in ein Bild umgewandelt werden müssen.

Die Problematik ist auch überhaupt nicht neu, schon Ansel Adams, als einer der ganz Großen der filmbasierten Schwarzweißfotografie, beschrieb das recht anschaulich.
Als Fotograf sah er sich bei der Aufnahme wie ein Komponist, der die Noten für ein Musikstück niederschreibt. Später, in der Dunkelkammer, war er dann quasi der Pianist, der die Noten zu hörbarer Musik, bzw. das Negativ zu einem Bild verwandelte.
Beide, Komponist und Pianist, müssen auch in der Fotografie Hand in Hand arbeiten.

Das vermeintlich „echte“, realistische Bild ist also immer das Ergebnis einer Interpretation. Entweder passiert diese Interpretation vollautomatisch und nicht an das jeweilige Motiv angepasst, oder sie erfolgt günstigstenfalls unter Kontrolle des Fotografen, der bei der Aufnahme vor Ort war und weiß, wie es da aussah.

… überall und immer

Das passiert so in fast jeder Kamera, egal ob Handy, Smartphone, Kompaktkamera oder High-End-Spiegelreflexkamera, immer entsteht das Bild aus den vorher vom Fototeil der Kamera gemessenen Werten, den RAW-Daten, die der „Computerteil“ der Kamera dann interpretiert.
Das Ergebnis dieser Interpretation wird dann in der Regel als JPEG gespeichert. (Die RAW Daten dagegen werden standardmässig meist nicht gespeichert.)

JPEG-Konsequenzen

Der Dialog zur Wahl der Komprimierung, Dateigröße und Dateiart (Raw und/oder JPEG) an einer Canon DSLR

Der Dialog zur Wahl der Komprimierung, Dateigröße und Dateiart (Raw und/oder JPEG unterschiedlicher Größe und Qualität) an einer Canon DSLR

Aus Platzgründen wird im JPEG nur das Nötigste gespeichert, viele von der Kamera gesehenen Helligkeiten und Zwischentöne gehen jetzt verloren. Eine RAW-Datei kann sehr viele Helligkeitsinformationen enthalten, in der daraus erzeugten JPEG-Datei bleiben systembedingt je Bildpunkt immer nur höchstens 256 Helligkeiten enthalten.

Wenn dieses Ergebnis der Interpretation mit Deinem Wunschbild deckungsgleich ist, ist alles gut. Doch das ist sicher nicht immer der Fall.
Die „Schema F“-Interpretation der automatischen Bilderzeugung in der Kamera ist in erster Linie auf den Massengeschmack und auf Massenbilder von Massenmotiven abgestimmt. Deshalb beginnen gerade dann, wenn Du ein spannendes Motiv hast, das von der Massentauglichkeit abweicht, die Probleme.

Dann ist es gut, wenn Du nicht nur die aufs nötigste reduzierte Datenmenge des JPEGS hast, sondern Dir für die spätere individuelle Interpretation alle bei der Aufnahme aufgezeichneten Werte zur Verfügung stehen.
Um diese Werte zu erhalten und verwenden zu können, benötigst Du die Rohdaten, die viele Kameras als eigenständige RAW-Dateien speichern können.
Das ist aus meiner Sicht der wichtigste Grund pro RAW.

Vorher/Nachher

Bei dem folgenden Bilderpaar ist links das JPEG aus der Kamera zu sehen. Es gibt die Situation so wieder, wie der Sensor sie beim Messen der Helligkeit jedes einzelnen Bildpunktes im Motiv  als Zahlenwert aufgezeichnet hat und wie der kamerainterne Computer diese Zahlenwerte dann bei der Bilderzeugung interpretiert hat.
Das Verfahren dazu ist in der Kamera immer mehr oder weniger „Schema F“. Und führt hier zu einem Bildergebnis, das die Situation gänzlich anders wiedergibt, als ich sie vor Ort empfunden habe.
Aus den Zahlenwerten der ebenfalls aufgezeichneten RAW-Datei konnte ich dagegen mit etwas Einsatz (unter einer Minute in Lightroom) ein Bild erzeugen, das meine Empfindung an dem frühen Abend widerspiegelt.

 

Illustration Kamera-JPEG vers. interpretiertes RAW

Links das JPEG aus der Kamera, rechts das in knapp einer Minute ausgearbeitete RAW.

Diesen Prozess der Interpretation gab es auch schon zu Zeiten des Negativfilms, der durch verschiedene Dunkelkammertechniken zu ganz unterschiedlichen Positiven ausgearbeitet werden konnte.
Ansel Adams, einer der ganz großen der Schwarzweiß-Fotografie und „Erfinder“ des Zonensystems, verglich dieses Vorgehen mit der Musik. Die Belichtung entspricht für ihn dem Schreiben einer Melodie in Noten, dem Komponieren. Damit  sind die Rahmenbedingungen des Musikstücks festgelegt.
Beim Vergrößern verstand er sich dann als Pianist, der die Noten für das Publikum hörbar macht. Und seine persönliche Vorstellung in das Lied einfließen lässt.

Belichtungsalternativen

Immer mal wieder lese sich in Foren oder auch in Facebook-Fotogruppen, dass man doch bitteschön schon bei der Belichtung das endgültige Bild bestimmen soll. Dann wäre doch eine „Bearbeitung“ bzw. Interpretaion gar nicht nötig.
Wer das nicht könne, sei eben kein guter Fotograf

Doch das obige Beispiel zeigt recht deutlich, dass das ohne die abschliessende Interpretation überhaupt nicht möglich ist. Die hier abgebildete Aufnahme ist perfekt belichtet. Es versäuft noch nichts im Schwarz und nur der kleine Fleck der Sonne ist reinweiß, alle anderen Stellen haben noch Zeichnung.
Anders belichtet würden dagegen ernste Probleme auftauchen, wie man in der folgenden Illustration sehen kann. Und die könnte man durch eine Interpretation/Bearbeitung nicht in den Griff bekommen.

Illustration: Drei unterschiedliche Belichtungen

Diese drei unterschiedlichen Belichtungen zeigen recht deutlich, dass nur durch Veränderung der Belichtungsparameter das Wunschbild nicht zu erzielen ist. Das rechet Bild ist perfekt belichtet, aber schlecht interpretiert. Weder die schwächere Belichtung in der Mitte noch die stärker rechts bringen einen Vorteil.

Das dunklere Bild in der Mitte hat zwar einen einigermassen passend wiedergegebenen Himmel, der Rest ist aber viel zu dunkel und lässt sich nur mit größter Mühe und viel Rauschen aufhellen.
Das rechte Bild ist deutlich heller, der untere Bereich ist so in Ordnung. Aber der Himmel hat jegliche Zeichnung verloren! Da gibt es keine Chance mehr, den Himmel noch an meine Vorstellung anzupassen.
Das linke Bild ist also die beste mögliche Belichtung! Es muss aber anders als nach Schema F interpretiert werden.
Und dafür stellt das RAW die besten Daten zur Verfügung!

Warum nicht von Bild zu Bild entscheiden?

RAWs sind einiges größer als JPEGs. Man könnte deshalb, um unnötige Datenmengen zu vermeiden, vor Ort von Bild zu Bild entscheiden .
Es gibt aber zum Glück Alternativen, um auf eine evtl. fehlerbehaftete Entscheidung vor Ort zu verzichten.

1) Man lässt die Kamera RAW plus JPEG erzeugen und löscht später die RAWs, deren JPEG-Pendants in Ordnung sind. Und für die anderen Aufnahmen hat man ja dann noch die RAW-Dateien zur angepassten Interpretation.

2) Da je nach Kamera und RAW Konverter die Ergebnisse einer späteren vollautomatischen „JPEG-isierung“ identisch zu den JPEGs aus der Kamera sind, kann man auch erstmal nur RAWs aufzeichnen lassen.
Die Software auf dem heimischen Rechner interpretiert dann später alle RAWS automatisch nach Schema F. Anschließend löscht man die RAWs, deren automatische Umwandlungsergebnisse zufriedenstellen geworden sind.

In beiden Fällen hat man dann ohne zusätzliche Arbeit genauso wenig Daten, als hätte man sich vor Ort von Bild zu Bild entschieden.

Vorteil:
Man muss sich in beiden Varianten nicht vor Ort entscheiden. Gerade für Anfänger kann das ein echter Vorteil sein, sie haben dann vor Ort ja noch genug andere Überlegungen im Kopf.

Nachteil:
Man benötigt evtl. eine größere Speicherkarte. Aber das sollte in Zeiten, wo man 32GB unter 30,00 Euro bekommt, keine große Rolle mehr spielen.

Vor dem endgültigen Löschen der RAWs aber bitte noch das nächste Kapitel lesen.

RAW bleibt aktuell

Ein weiterer (häufig übersehener) Grund für RAW steckt in der fortschreitenden technischen Entwicklung. Eine JPEG Datei aus der Kamera entspricht dem technischen Stand der Zeit, als die Kamera gebaut wurde. Eine RAW-Datei dieser Kamera kann dagegen Jahre später mit den dann aktuellen RAW-Konvertern umgewandelt werden und so vom technischen Fortschritt profitieren.
RAWs, die ich vor vielen Jahren mit heute völlig überholten (damals aber topmodernen) Kameras aufgenommen habe, kann ich heute mit aktuellen RAW-Konvertern JPEGisieren und erhalte damit unter anderem bessere Wiedergaben in den extremen hellen und dunklen Bereichen und bessere Rauschreduzierung.

Natürlich könnte ich auch hoffen, dass die Kamerahersteller die Interpretations-Software der Kameras über die Jahre immer wieder aktualisieren. Dann würden aktueller Aufnahmen evtl. bessre umgewandelt.
Aber die Erfahrung zeigt, dass das Interesse der Hersteller an mir als Kunden nach dem Kauf leider sehr schnell sehr deutlich nachlässt. Man hofft anscheinend, mich durch ausbleibende  Aktualisierung der Kamerafirmware schneller vom Kauf eines Nachfolgermodells zu überzeugen.



Nachteile

Die Nachteile will ich nicht verschweigen. RAWs sind groß und sie müssen interpretiert und in andere Formate umgewandelt werden, um sie am Fernseher ansehen zu können oder im nächsten Drogeriemarkt ausbelichten zu lassen.
Aber das ist kein allzu großes Problem, wenn man gute Software einsetzt. [Ich verwende dafür (und für einiges anderes) Lightroom(*)].
Während früher Speicherkarten mit wenigen MBs hunderte DM kosteten, bekommt man heute viele GB für wenige Euros. Früher musste man oft wegen der Kosten auf RAW verzichten, heute ist das nicht mehr nötig. Das Platzproblem ist also heutzutage fast zu vernachlässigen.

Aus meiner Sicht überwiegen eindeutig die Vorteile, deshalb empfehle ich RAW zu verwenden!

Falls Du mehr über das Ausarbeiten der RAWs lernen willst, das Thema RAW und die Interpretation spielt in meinen Grundlagenkursen zur Bildbearbeitung eine wichtige Rolle.


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Noch mehr Tipps und Tricks zu Lightroom in meinem Blog


/ 12. Jun 2017

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