Entfernung einstellen – mal anders

Illustration Schärfentiefenskala Rollei 35TE

Die Schärfentiefenskala an einer Rollei 35TE

Hier nun die schon vor zwei Wochen angekündigte Fortsetzung meines Beitrags „Entfernung messen“.

Die Werbung zu den aktuellen Kameras überschlägt sich ja seit einigen Jahren regelrecht mit Angaben zur Anzahl der Autofokusmessfelder und den Hinweisen auf die Geschwindigkeit der Fokussierung. (Teilweise sogar mit nicht ganz sauberen Tricks, siehe auch meinen Beitrag zum „Schnellsten Autofokus von Gelsenkirchen„)
Das erweckt so ein bisschen den Eindruck, als wären Fotografen in der Vor-AF-Zeit entweder begnadete Fokuszauberer oder einfach nur vom Glück geküsst gewesen, anders kann man damals ja wohl nicht zu scharfen Fotos gekommen sein.

Wie soll man denn manuell so schnell und sicher scharf stellen?

Die Frage liegt nahe, schon vor 50 und mehr Jahren gab es großartige Fotos schneller Bewegungen, auch von Sportereignissen. Diese Bilder zeichneten sich durch eine hervorragende Schärfe aus, obwohl sie ganz ohne Autofokus entstanden!
Das liegt die Frage nahe:
Wie haben die das damals bloß hingekriegt.
Und in vielen Familienalben schlummern Schnappschüsse aus den fünfziger, sechziger oder siebziger Jahren. Da gab es noch keinen Autofokus, aber trotzdem scharfe Schnappschüsse.
Wie haben die Eltern oder Großeltern das bloß gemacht?

AF

Heutzutage gibt es natürlich den Autofokus (AF)  und viele reißen für Schnappschüsse einfach nur noch die Kamera hoch und hoffen auf den AF. Oft geht das auch gut, das Nahe wird meist sehr präzise fokussiert.
Der Autofokus ist bei den meisten Kameras in der Standardeinstellung genau darauf geeicht, das aus seiner Sicht nächstliegende Motivdetail zu fokussieren.
Aber was ist, wenn Du gar nicht das nahe Gitter im Zoo, sondern den weiter entfernten Löwe dahinter scharf einfangen wolltest?
Wir kannst Du den Autofokus vom neuen Ziel überzeugen?

AF Problemfälle

Dann ist es natürlich gut, wenn Du weißt, wie man den Autofokus generell beeinflussen kannst.
Du kannst dazu dann z.B. einzelne Autofokusfelder oder Messfeldergruppen auswählen. Ds geht oft über das „Steuerkreuz“ oder den „Joystick“ auf der Rückseite des Kameragehäuses.
Du aktivierst damit einfach das Feld über dem Bildbereich, denn Du präzise fokussiert haben möchtest.

Wenn dir das zu umständlich ist oder die äußeren Autofokusfelder nicht schnell oder zuverlässig genug sind, kannst Du nach FTR vorgehen. Du verschwenkst dazu kurz den Bildausschnitt, so dass das mittlere Autofokusfeld über dem Bildbereich liegt, der fokussiert werden soll. Dann drückst Du den Auslöser, die Kamera fokussiert auf diesen Bereich. Dann schwenkst Du auf Deinen Wunschausschnitt zurück und machst Dein Foto.
Vorsicht, das funktioniert nicht mit kontinuierlichem Autofokus (AF-C oder AI-Servo) sondern nur über AF-S oder One-Shot in der Autofokuseinstellung.
(Über den Link „FTRfindest Du eine etwas ausführlichere Anleitung in meinem „Fotolehrgang im Internet“.)



Beide Vorgehensweisen sind eine gute Möglichkeit, wenn es präzise sein muss (weil z.B. die Schärfentiefe sehr gering ist), doch manchmal viel aufwändiger und langwieriger als nötig.
Wenn der Bereich, der scharf abgebildet werden soll, über eine gewisse Zeit konstant bleibt und die Schärfentiefe ausreichend groß ist, kannst Du statt des eher aufwendig zu steuernden  Autofokus auch den sogenannten Zonenfokus verwenden.
Und das passt dann sogar auch für Kameras ohne AF, auch für „analoge“ Kameras.
Oder wenn „Altglas“ (also ein älteres, meist dann Nicht-AF-Objektiv) an modernen Kameras verwendet werden soll.

Altglas verwenden?

Für solche Kombinationen alter Objektive (in unserem Fall ohne AF) mit modernen Kameragehäusen bieten sich vor allem Systemkameras an, da Ihre Bauweise häufig Platz für den nötigen Adapter zulässt.

Illustration zu Focus Peaking

Die kontrastreichsten (und damit schärfsten) Kanten werden farbig hervorgehoben um den aktuell fokussierten Bereich anzuzeigen.

Solche Adapter werden fast immer bei Altglas benötigt, sie sind an Spiegelreflexkameras aber nicht immer problemlos verwendbar.
Bei den (D)SLRs liessen sich die Adapter zwar prinzipiell mechanisch befestigen, das Objektiv wäre aber durch die Kombination aus Spiegelkasten plus Adapter zu weit vom Sensor entfernt, um noch auf unendlich fokussieren zu können.
Der störend große Spiegelkasten fällt bei Systemkameras dagegen bauartbedingt weg, Adapter lassen sich deshalb viel einfacher verwenden.

Und durch spezielle Anzeigen wie dem Focus-Peaking oder der elektronischen Sucherlupe kann man gerade mit Systemkameras die Schärfe auch ohne AF sehr gut kontrollieren.
Das ist mit einem DSLR Sucher nicht so ohne weiteres möglich, da geht es meist nur bei LiveView über das Display, im Sucher funktionieren diese elektronischen in de Regel nicht Und Hilfsmittel wie Schnittbildindikator und Mikroprismenring werden bei AF-Kameras fast nie eingebaut. 

Zonenfokus

Zonenfokus bedeutet eigentlich nichts anderes, als den Schärfentiefebereich sinnvoll zu nutzen. Je nach Aufnahmesituation spielt sich ja evtl. das bildwichtige und deshalb zu fokussierende Geschehen innerhalb eines mehr oder weniger großen Entfernungsbereiches, einer Entfernungszone, ab, die mit etwas Glück innerhalb dieses Schärfentiefebereiches ist.
Dann ist es ja gar nicht nötig, präzise zu fokussieren, da ja alles innerhalb des Bereichs auf den Bildern scharf erscheinen wird. Die Unschärfen sind innerhalb dieses Bereiches so gering, dass sie unterhalb der Wahrnehmungsmöglichkeiten des Bildbetrachters liegen, sie sind so klein, dass sie dadurch unsichtbar sind.

Wer sich intensiver mit bestimmten Motiven beschäftigt, wird feststellen, dass er oft mit einer bestimmten Brennweite und in einem Entfernungsbereich fotografiert.

  • Die spielenden Kinder im Sandkasten werden nicht schlagartig ihre Entfernung ändern und plötzlich ganz nah vor der Kamera auftauchen oder in großer Entfernung verschwinden.
  • Wenn man den passenden Standort für einen guten Bildausschnitt gefunden hat, wird sich  die Entfernung zur Ziellinie des 100m Laufes nicht plötzlich verändern .
  • Und bei „Streetphotography“ auf dem Marktplatz werden sich die Motive in einem mehr oder weniger gleichen Entfernungsbereich von vielleicht 1,5 bis 4m bewegen.
Illustration Schärfentiefenskala Rollei 35TE

Die Schärfentiefenskala an dieser Rollei 35TE zeigt, dass bei Blende 11 die Schärfentiefe von unter 1,5m bis über 3m reicht.

Je nach Beleuchtungssituation, Kamera und Brennweite bieten sich dann feste Einstellungen von Entfernung und Blende an, die dafür sorgen, das alles innerhalb des Bereiches, der Schärfezone, scharf abgebildet wird.
An machen Kameras wurden solche „Schnappschusseinstellungen“ im Entfernungsring eingraviert, so dass man sie schnell aufrufen konnte.

Immer noch aktuell

Diese Technik aus der Vor-AF-Zeit hat auch heute noch ihre Berechtigung. Denn manchmal entscheidet sich der AF im Eifer des Gefechtes für das falsche Zielobjekt. Oder er kann nicht genügend Kontraste erkennen. Bis man dann den AF auf Spur gebraucht hat, ist die Situation evtl. schon vorbei.
Ich verwende deshalb öfter den Zonenfokus, je nach Motiv und Situation. Aber es gibt natürlich auch Situationen, z.B. mit sich schnell ändernden Entfernungen, in denen ich voll auf den AF setze. (Geht mit Altglas oder Vor-AF Kameras natürlich nicht.)



Wie geht das mit dem Zonenfokus

Eigentlich ist es einfach. Ganz ähnlich wie bei der hyperfokalen Distanz (das ist quasi der Zonenfokus für Landschaftsfotografen) sucht man sich bei gegebener Brennweite eine Kombination von (manuell oder per FTR) fokussierter Aufnahmeentfernung und Blende aus, die dann zu einer Schärfentiefe führt, die den Wunschbereich abdeckt. (Wenn man ständig die Brennweite verändert, wird der Zonenfokus aufwändig!)
In diesem Bildbeispiel oben ist die Entfernung auf 2m eingestellt, bei Blende 11 die Schärfentiefe dann mit diesem Objektiv am Kleinbildfilm von unter 1,5m bis über 3m. Alles innerhalb dieses Bereiches wird ausreichend scharf abgebildet.

Wenn Du diese Technik verwenden willst, solltest Du allerdings aus unterschiedlichen Gründen mit den Schärfetiefenskalen der Kameras bzw. Objektive vorsichtig sein.
So musst Du aufpassen, weil nicht nur die Blende und die Brennweite die Schärfentiefe beeinflusst, sondern auch die Größe des Sensors (oder Films)  auf die Schärfentiefe einen massiven Einfluss hat.
Wenn dann das „Altglas“ ursprünglich für Kleinbild vorgesehen war, haben diese Objektive in der Regel einen Schärfentiefegravur, die eben für den Kleinbildfilm passt. Und natürlich passen diese Markierungen dann auch für die etwa gleich großen Vollformatsensoren der Diogitalzeit. An Kameras mit einem kleineren Sensor ist die Schärfentiefe aber ganz anders. Nicht nur der erfasste Bildwinke wird deutlich kleiner, sondern auch die Ausdehnung des scharf abgebildeten Bildbereiches wird kleiner.

Andere Ausdehnung der Schärfentiefe? Warum??

Ein unscharf dargestellter kleiner Punkt im Motiv, wird zu einem unscharfen Scheibchen („Zerstreuungskreise“)  im Bild. Solange diese Scheibchen klein genug sind, sehen sie im Bild aus wie Punkte, sie wirken weiterhin scharf.
Die Schärfentiefe wird nun von der maximalen Größe der Scheibchen bestimmt, die der Betrachter noch nicht als Scheibchen erkennen kann, die für ihn noch wie scharfe Punkte aussehen. (Mehr im Fotolehrgang unter „Schärfentiefe und mehr“.)
Da die Aufnahmen auf dem kleineren Sensor für die Wiedergabe in einer festen Bildgröße (z:b: ein Blatt für einen Kalender oder die Wiedergabe auf dem Fernsehmonitor) stärker vergrößert werden müssen als die mit einem großen Sensor aufgenommen Bilder, werden auch die Scheibchen stärker vergrößert und eher sichtbar. Die Unschärfe nimmt so zu.

 

Aber selbst wenn die Gravur für den Sensor passt, oder die Schärfentiefe auf dem Display der Kamera für den Sensor passend eingeblendet wird, ist Vorsicht angesagt.
Heutzutage wird machmal nicht die wichtige gestalterisch wirksame Schärfentiefe angezeigt (die sich an den Fähigeiten des Auges des Bildbetrachters orientiert), sondern die eigentlich nur unter technischen Gesichtspunkten interessante Schärfentiefe, die sich an den Fähigkeiten (Megapixeln) des Sensors orientiert.
(Mein Beitrag zu dieser unterschiedlichen Schärfentiefeberechnung)

Zum Glück gibt es Alternativen, Du kannst dann zur Berechnung des scharfen Bereiches immer noch einen der klassischen Schärfentieferechner nehmen, zum Beispiel diesen Schärfentieferechner, der damals der erste im deutschen Internet war und zufälligerweise auch noch von mir ist. ;-)
Oder Du nimmst diese Schärfentieferechenscheiben (auch von mir! ;-)

Zum Umgang mit den Schärfentieferechenscheiben habe ich ein kleines Video gemacht.

Übrigens: Die Grundlagen rund ums Fokussieren sind genauso wie Belichtung, Automatiken und Belichtungskorektur ein wichtiger Teil meiner Fotokurse zu den Grundlagen der Fotografie, die ich an der Fotoschule-Ruhr.de im Bereich Grundlagen-Fotokurse anbiete.
Vielleicht wäre das ja was für Dich.

/ 15. Okt 2017

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